Der Kampf gegen das Stigma

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Etwa 30 Menschen nehmen sich jeden Tag in Deutschland das Leben, mindestens 600 versuchen es. Die Gründe sind vielfältig. Neben zentralen Risikofaktoren wie psychischen Erkrankungen hat die Wissenschaft inzwischen aber auch wichtige Schutzfaktoren und Interventionswege identifiziert…

Mehr als 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland in jedem Jahr das Leben. Damit sterben hier mehr Männer und Frauen durch Suizide als durch Verkehrsunfälle, Aids, Drogen und Raubüberfälle zusammen. Weltweit sind es sogar mehr als 800.000 Menschen, die ihr Leben gewaltsam beenden. Und die Zahl der Suizidversuche liegt mehreren Studien zufolge um ein Vielfaches höher. „In den westlichen Industrieländern erfolgt die große Mehrheit dieser Todesfälle vor dem Hintergrund einer psychischen Erkrankung“, so Ulrich Hegerl. Der Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Vor allem der Depression komme eine zentrale Rolle zu: „Bei etwa der Hälfte der vollendeten Suizide in Europa ist eine affektive Störung in der Krankheitsgeschichte präsent. Aufgrund der engen Verbindung von Depression und suizidalem Verhalten ist davon auszugehen, dass eine verbesserte Behandlung von depressiven Erkrankungen auch zu einer Verringerung der Rate suizidaler Handlungen beitragen kann.“

Mit Depressionen allein lassen sich Selbsttötungen allerdings nicht erklären. Ein gewisser Anteil der Menschen, die sich selbst töten, sind den Erfahrungen von Barbara Schneider zufolge nicht psychisch krank: „Diese Menschen befinden sich allerdings in einer akuten ausweg- und hoffnungslosen Situation, die oftmals von einem einschneidenden Erlebnis wie Arbeitslosigkeit, Trennung oder Tod eingeläutet wird“, schildert die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Zentral sei eine völlige Verzweiflung, die Betroffene die Selbsttötung als einzigen Ausweg sehen lasse. „Aus diesem Gedanken- und Gefühlskonstrukt können sich Menschen mit Suizidabsichten ohne professionelle Hilfe meistens nicht mehr selbst befreien.“ Schneider zufolge unternehmen außerdem junge Menschen wesentlich häufiger Suizidversuche als ältere, man habe bei Jugendlichen jedoch weitaus seltener eine psychische Erkrankung als Ursache ausmachen können. Auch die Beweggründe seien in den verschiedenen Altersklassen unterschiedlich: „In jungen Jahren spielen Dinge wie Traumatisierungen, zerrüttetes Elternhaus, Drogenkonsum, Trennungen, Liebeskummer oder andere Schwierigkeiten im Freundeskreis oder in der Schule eine entscheidende Rolle. Bei den hochaltrigen Menschen dagegen stellen Dinge wie körperliche Erkrankungen, Schmerzen, physische Einschränkungen oder das Verlieren der Sinnesleistungen ganz wichtige Risikofaktoren dar.“

Meistens spielt sich im Vorfeld eines Suizids etwas ab, das Fachleute multifaktorielles Geschehen nennen. „Soziale, psychologische, kulturelle und weitere Aspekte greifen dabei ineinander“, erläutert Ute Lewitzka, Leiterin der AG Suizidforschung am Uniklinikum Dresden. Suizidales Verhalten hat demnach niemals nur einen einzelnen Grund, sondern entwickelt sich grundsätzlich aus der Wechselwirkung von Risikofaktoren und fehlenden präventiven Faktoren. Stresssituationen und finanzielle Schwierigkeiten, Beziehungsprobleme sowie chronische Schmerzen und Krankheit können Auslöser für Suizide sein. Erlebte Konflikte und Unglücke, Gewalt und Missbrauch, Verlust und Isolation spielen eine Rolle. Auch Diskriminierungen sowie der Missbrauch von Alkohol und Medikamenten gelten als Risikofaktoren, ebenso ein einfacher Zugang zu tödlichen Mitteln und Methoden. Zu den präventiven Aspekten gehören Lewitzka zufolge Eigenschaften, die Menschen beim Umgang mit Risikofaktoren stärken: ein positives Selbstbild, Offenheit, adäquate Problemlösungsstrategien, soziale Unterstützung, Gesundheitsbewusstsein oder auch körperliche Aktivität.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO bemüht sich bereits seit Jahren, das Thema Suizidprävention prominenter auf die politische Agenda zu setzen. 2013 verabschiedete die 66. Weltgesundheitsversammlung den ersten Aktionsplan für psychische Gesundheit. Zu den primären Zielen gehört die Suizidprävention: Bis zum Jahr 2020 soll die Suizidrate in allen Ländern um zehn Prozent sinken. Nationale Strategien zur Suizidprävention können aus Sicht der WHO jedoch nur erfolgreich sein, wenn die Gesundheitspolitik mit anderen Politikbereichen zusammenarbeitet und die Bevölkerung sowie die Massenmedien einbezogen werden.

Auch aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) muss die Suizidprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe noch stärker in den Fokus rücken. Für psychisch erkrankte Menschen beispielsweise müssten unabhängig von ihrem Wohnort passgenaue Versorgungsangebote bereitstehen, meint die frühere DGPPN-Präsidentin Iris Hauth, die ihr Amt Anfang 2017 an Arno Deister übergeben hat: „Ein besonderes Augenmerk muss dabei auf der Früherkennung relevanter Erkrankungen wie Depressionen, Suchterkrankungen und Schizophrenie liegen. Hier sind nicht nur Fachärzte und Psychotherapeuten gefordert, sondern auch Theologen, Pädagogen und viele weitere Berufsgruppen, die in Kontakt mit den Betroffenen kommen.“ Damit Warnsignale besser erkannt werden und therapeutische Hilfen rechtzeitig eingeleitet werden können, sei es außerdem wichtig, das Wissen über psychische Erkrankungen und Suizid in der Bevölkerung zu fördern. Nötig sei darüber hinaus eine intensivere Suizidforschung: Die komplexen psychischen, ökonomischen, und sozio-kulturellen Wechselwirkungen, die der Suizidalität zugrunde liegen, sind Hauth zufolge noch wenig erforscht.

Aus Sicht der WHO muss die Prävention von Selbsttötungen auf drei Ebenen ansetzen. „Universelle Präventionsstrategien“ zielen auf die Gesamtbevölkerung ab, beispielsweise indem die medizinische Versorgung verbessert, schädlicher Alkoholkonsum reduziert oder der Zugang zu tödlichen Mitteln und Methoden begrenzt wird. „Selektive Präventionsstrategien“ sind für Risikogruppen gedacht, also für Menschen, die ein Trauma oder Missbrauch erlitten haben oder die von Konflikten oder Katastrophen betroffen sind. „Indizierte Strategien“ sollen suizidgefährdeten Menschen individuell helfen, beispielsweise durch eine verbesserte Identifizierung und Versorgung von psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen sowie durch Ausbildung und Training für Personal im Gesundheitswesen. Prävention in diesem Bereich kann laut WHO auch durch die Stärkung von Schutzfaktoren wie starke persönliche Beziehungen und positive Bewältigungsstrategien unterstützt werden.

„Es gibt keine einfache Erklärung dafür, warum Menschen durch Suizid sterben. Viele Suizide geschehen aus einem Impuls heraus“, schreibt die WHO in ihrem 2014 erschienenen Bericht „Suizid verhindern: ein weltweites Gebot“. Einigkeit herrscht demnach jedoch in einem zentralen Punkt: Wegen der global weit verbreiteten Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen und auch des Suizids seien viele Betroffene nicht in der Lage, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Die WHO weiter: „Jedes gesellschaftliche Umfeld ist in der Suizidprävention wichtig. Labile Personen können dort soziale Unterstützung finden, Nachsorge, Bewusstseinsbildung, Bekämpfung von Stigma können hier ergänzt und Hinterbliebene von Suizidopfern unterstützt werden.“

Stigmata und Tabus sind auch für Barbara Schneider die zentralen Hindernisse bei der Suizidprävention. „Das Leben ist das höchste Gut, das wir haben. Suizidenten stellen sich gegen dieses höchste Gut“, sagt die DGS-Vorsitzende: „Menschen, die sich selbst töten, überschreiten damit eine bestimmte Grenze. Sie brechen durch ihre Handlung ein Tabu.“ Für die Gesellschaft oder auch für Gläubige sei Suizid damit eine Schande oder Sünde und müsse daher tunlichst verschwiegen werden. So werde Suizidalität selbst zum Tabuthema in der Gesellschaft. „Dieses Tabu sowie die Stigmatisierung psychisch Kranker und Suizidgefährdeter sowie ihrer Angehörigen und Hinterbliebenen müssen überwunden werden.“

Leitfäden und Informationen

• Das europäische Projekt Euregenas (European Regions Enforcing Actions Against Suicide) hat die Prävention von Suizidalität zum Ziel und soll einen Beitrag zur Entwicklung und Umsetzung entsprechender Strategien auf regionaler Ebene leisten. Beteiligt sind 15 europäische Partner aus elf europäischen Regionen. Unter anderem haben die Projektbeteiligten einen Leitfaden für den Arbeitsplatz herausgegeben. Neben einem Überblick, warum Suizidprävention im beruflichen Umfeld wichtig ist, enthält der Leitfaden Strategien für eine arbeitsplatzbezogene Suizidprävention sowie praxisnahe Instrumente und Checklisten, um suizidgefährdete Beschäftigte identifizieren und angemessen reagieren zu können.

• Manche Unternehmen haben eigene Leitfäden zur Suizidprävention und zum Umgang mit Suizidalität/Suizid entwickelt, worin sie Hintergrundinformationen und praktische Hilfestellungen zusammenfassen. Ein Beispiel für einen solchen Unternehmens-Leitfaden ist das Papier der Universität Köln.

• Weitere grundlegende Informationen stellen die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) und das Nationale Suizidprogramm für Deutschland bereit.


Mythos und Wahrheit

Um Missverständnissen im Zusammenhang mit suizidalem Verhalten vorzubeugen, hat die WHO einigen der häufigsten Mythen aktuelle Erkenntnisse gegenübergestellt.

▪ Wer einmal suizidgefährdet ist, wird immer gefährdet bleiben.
Ein erhöhtes Suizidrisiko ist meistens kurzfristig und situationsabhängig. Suizidgedanken können zwar wiederkehren, sind aber nicht permanent vorhanden. Auch Menschen, die an Selbsttötung denken oder sogar schon einen Versuch unternommen haben, können noch ein langes Leben vor sich haben.

▪ Mit jemandem über Suizid zu reden, erhöht das Risiko eines suizidalen Verhaltens.
Angesichts des Stigmas, mit dem das Thema Suizid behaftet ist, wissen viele suizidgefährdete Menschen nicht, mit wem sie reden sollen. Über suizidale Gedanken und Pläne zu sprechen erhöht nicht das Risiko einer Selbsttötung, sondern kann Leben retten, da es unter Umständen den Betroffenen andere Optionen eröffnet und sie die Pläne nochmal überdenken lässt.

▪ Nur psychisch kranke Menschen sind suizidgefährdet.
Suizidgedanken sind ein Zeichen für Unglück und Hoffnungslosigkeit, aber nicht unbedingt für eine psychische Erkrankung. Viele Menschen mit psychischen Problemen sind nicht suizidgefährdet, und nicht alle Menschen, die sich das Leben nehmen, sind psychisch krank.

▪ Die meisten Selbsttötungen passieren plötzlich und ohne Vorwarnung.
Den meisten Selbsttötungen gehen Warnsignale voraus, entweder in Äußerungen der Betroffenen oder in ihrem Verhalten. Natürlich gibt es auch Suizide ohne Vorzeichen. Aber es ist wichtig, sich mit den Warnsignalen zu beschäftigen und auf sie zu achten.

▪ Wer über Selbsttötung spricht, ist entschlossen zu sterben.
Die meisten Menschen mit suizidalen Gedanken haben gemischte Gefühle bezüglich eines Suizids und selbst jene mit schwerwiegenden Depressionen zweifeln bis zum letzten Moment an der Entscheidung, sterben zu wollen. Hilfe oder Unterstützung zum richtigen Zeitpunkt kann Selbsttötungen verhindern.

▪ Menschen, die über Suizid sprechen, werden diesen nicht in die Tat umsetzen.
Wer über das Thema Selbsttötung spricht, kann auch auf der Suche nach Hilfe und Unterstützung sein. Die meisten Menschen, die einen Suizid in Betracht ziehen, leiden unter Angst, Depression und Hoffnungslosigkeit und fühlen sich, als gäbe es keinen anderen Ausweg.