Die Kluft wird kleiner

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Moderne Informations- und Kommunikationstechniken verändern, wie wir leben, arbeiten und kommunizieren, wie sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft organisieren – und das weltweit. Dieser Wandel kann bestehende Probleme beschleunigen und verdichten, aber auch zu ihrer Lösung beitragen und neue Impulse setzen…

Am 21. November 2013 folgten sie lediglich einem einzelnen Aufruf auf Facebook: Weil der ukrainische Präsident ein über Jahre ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnete, trafen sich einige hundert junge Ukrainer im Zentrum von Kiew – der Beginn der Proteste auf dem Maidan. Am gleichen Tag kreierten Studenten den Hashtag #Euromaidan und legten unter diesem Namen Profile bei Facebook und Twitter an. Die digitale Entwicklung der folgenden Monate hat das Labor für Social Media and Political Participation (SMaPP) der New York University untersucht. Bereits im Dezember diente der virtuelle Maidan der Protestbewegung als zentrale Plattform für die Organisation vor Ort, aber auch für die Mobilisierung weiterer Anhänger und die Kommunikation der Geschehnisse über die Landesgrenzen hinaus. Ende Februar zählte das New Yorker Labor über 30.000 Tweets pro Stunde; und je länger der Konflikt auf dem Maidan andauerte, umso mehr neue Nutzer verzeichneten Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerke in der Ukraine.

Letztlich trifft zwar die Internetgemeinde in der Ukraine keine politischen Entscheidungen. Den New Yorker Forschern zufolge hat die digitale Vernetzung jedoch der Protestbewegung die entscheidende Dynamik gegeben. Gleiches gilt für das Ende des Ben-Ali-Regimes in Tunesien: 1984 und 2008 scheiterten zwei große Protestbewegungen, Ende 2010 kanalisierten und bündelten digitale Plattformen die politische und soziale Unzufriedenheit, was zu einer Massenmobilisierung gegen die Regierung führte. Dem Beispiel der tunesischen Protestbewegung folgten Aktivisten in anderen nordafrikanischen Ländern mit ähnlichen politischen Verhältnissen, die sogenannte Arabellion brachte Regierungen ins Wanken und teilweise sogar zum Sturz.

Weitere Revolutionen könnten folgen. „Das Internet und die digitalen sozialen Netzwerke geben Menschen, die in geschlossenen, autoritären Systemen leben, neue Hoffnung“, sagt Nazir Peroz, Leiter des Zentrums für internationale und interkulturelle Kommunikation an der Fakultät Elektrotechnik und Informatik der TU Berlin. Grundsätzlich können Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) seiner Meinung nach für die Entwicklung von Demokratie und Partizipation nützlich sein, da sie den Austausch zwischen Menschen innerhalb einer Gesellschaft fördern und damit politische Teilhabe und Einflussnahme erhöhen. Allerdings hänge der Zugang zur digitalen Welt von sozialen, wirtschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und technischen Faktoren ab – Medienkompetenz, funktionierende und bezahlbare IT-Strukturen, Stromversorgung. Außerdem, warnt Peroz, hätten vor allem in Afrika, Südamerika und Asien viele Menschen aufgrund ihrer sozioökonomischen Situation, ihres Bildungsabschlusses, Alters oder Geschlechts keinen Zugang zur digitalen Welt.

Diese digitale Kluft, die sich nicht nur zwischen Industrie- und Entwicklungsländern findet, sondern auch zwischen Bevölkerungsgruppen innerhalb einer Gesellschaft, war schon 2003 und 2005 Anlass für den zweiteiligen UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) in Genf und Tunis. Die Teilnehmer verständigten sich auf das Ziel, eine am Menschen orientierte, alle Beteiligten einbeziehende und entwicklungsorientierte Informationsgesellschaft aufzubauen, in der die Menschenrechte gewahrt werden, und digitale Techniken als Instrument zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung und zur Verwirklichung der Millenniumsziele zu nutzen. Bereits in den 2000 verabschiedeten Millenniumszielen selbst wurden IKT direkt erwähnt: Die neuen Technologien sollen in Zusammenarbeit mit dem Privatsektor allen Menschen zugänglich gemacht werden. Und aus der Nachfolgeagenda, die sich die globale Gemeinschaft für die Zeit ab 2015 geben will, werden Internet und Telekommunikation angesichts ihrer rasanten Entwicklung nicht wegzudenken sein. Erst Ende Mai hat John William Ashe, Präsident der Generalversammlung der Vereinten Nationen, ein zweitägiges, hochrangig besetztes Expertentreffen zu Rolle und Bedeutung von IKT für die Entwicklung und die Post-2015-Agenda einberufen.

Dass die Vereinten Nationen die Informations- und Kommunikationstechnologien schon vor fast 15 Jahren in die Orientierungsrahmen für die internationale Entwicklungszusammenarbeit aufgenommen haben, hat deren Verwendung befördert. Ob in Politik oder Verwaltung, in der Industrie oder dem Dienstleistungssektor, bei Bildung, Gesundheit, ländlicher Entwicklung oder Ressourcenschutz: Bei Programmen zur Optimierung von Arbeitsabläufen beispielsweise in Behörden, zur Kommunikation und Netzwerkbildung oder zur kostengünstigen und schnellen Bereitstellung von Informationen spielen IKT mittlerweile eine wichtige Rolle. Und auch aus der Nothilfe sind sie kaum noch wegzudenken: Die Informationsplattform Ushahidi beispielsweise gilt seit dem Erdbeben in Haiti 2010 als wichtiges Hilfsmittel für die Arbeit von Hilfsorganisationen. Ursprünglich hatte der kenianische Techniker und Blogger Eric Hersman Ushahidi – in Kenias Landessprache Swahili das Wort für Zeugnis – initiiert, um in seinem Heimatland nach den Wahlen 2008 Menschenrechtsvergehen zu kartografieren. Im Fall Haiti sammelten die Ushahidi-Gründer Nachrichten über Facebook, Twitter und SMS, ergänzten sie mit offiziellen Meldungen und Mitteilungen von Nichtregierungsorganisationen und übertrugen alle Informationen auf eine digitale Haiti-Karte – eine wichtige Orientierung für die Helfer, um am richtigen Ort und mit der richtigen Ausrüstung anzurücken.

Im Zentrum der digitalen Möglichkeiten steht in allen Bereichen eine veränderte Kommunikationsstruktur. Der Austausch von Informationen wird mit IKT nicht nur einfacher, schneller und direkter, sondern auch vielstimmiger. Denn während die Menschen bei der One-to-Many-Kommunikation der klassischen Massenmedien passiv bleiben, können sie bei der Many-to-Many-Kommunikation der digitalen Welt mitreden.

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