Energie: Der Markt öffnet sich

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Strom wird nicht mehr nur in konventionellen Kraftwerken produziert, sondern in vielen Industriebetrieben und Privathaushalten. Die Grenzen zwischen Produzent und Verbraucher verschwimmen…

Das eigene Kraftwerk auf dem Werksgelände ist in energieintensiven Industriezweigen seit Jahrzehnten üblich – insbesondere wenn gekoppelte Produkte wie Strom und Wärme benötigt oder unternehmenseigene Brennstoffe genutzt werden. 46,7 Terawattstunden Strom und damit rund 17 Prozent ihres Stromverbrauchs hat die Industrie laut Statistischem Bundesamt 2015 selbst erzeugt. Der meiste Strom wird demnach zwar noch mit fossilen Energieträgern wie Gas und Kohle produziert, aber der Einsatz erneuerbarer Quellen wächst. Auf dem BMW-Werksgelände Leipzig beispielsweise erzeugen vier Windräder jährlich rund 26 Gigawattstunden Strom, der rund ein Fünftel des gesamten Strombedarfes im BMW-Werk liefert. Audi produziert mit einer 3,6-Megawatt-Solaranlage auf dem Dach der Produktionsstätte im belgischen Vorst einen Teil des Strom für den Bau des Modells A1. Und das Mercedes-Benz Global Logistics Center in Germersheim setzt nicht nur auf eine Photovoltaikanlage mit 1,4 Megawatt Nennleistung, sondern auch auf ein Blockheizkraftwerk zur Deckung des Wärme- und Strombedarfs. Die Gründe für die Investitionsentscheidung lesen sich überall gleich: bessere Kontrolle über die Energiekosten, bessere CO2-Bilanz, besseres Image.

Wie hoch die gesamte Eigenversorgung mit Strom in Deutschland liegt, ist nicht statistisch erfasst. Das Institut der deutschen Wirtschaft schätzt sie für 2014 auf 60,7 Terawattstunden und damit auf zwölf Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs. Denn der Trend hat sich mittlerweile weit über die Industrie hinaus ausgeweitet. Die meisten Haushalte und Unternehmen waren lange Zeit ausschließlich als Nachfrager auf dem Energiemarkt vertreten, da ihr Strombedarf für ein eigenes Kraftwerk zu gering war. Gut skalierbare erneuerbare Erzeugungsanlagen und immer bessere Lösungen für das Speichern und Managen von Energie brechen diese Rollenverteilung auf: Nutzer werden zu Erzeugern, und jeder Erzeuger ist ein potenzieller Anbieter.

Ansatzpunkte für diese neue Rollenverteilung gibt es viele. Aldi Süd betreibt unter dem Motto „Sonne tanken“ über 50 Schnellladestationen für zwei- und vierrädrige Elektrofahrzeuge, den Strom liefern Photovoltaikanlagen auf den jeweiligen Filialdächern. Die Berliner Energieagentur (BEA) hat auf einem Neubau der Charlottenburger Baugenossenschaft eine Photovoltaikanlage in Betrieb genommen, deren Strom die Bewohner der 121 Mietwohnungen als BEA-Kiezstrom direkt beziehen können. Und die Mitglieder der Energiegenossenschaft Rittersdorf betreiben auf einer ehemaligen Mülldeponie einen Bürgersolarpark, dessen Strom über einen speziellen Regionaltarif im Umkreis von 30 Kilometern vertrieben wird.

Weitere Ansatzpunkte bieten Speicherlösungen und Energiemanagementsysteme. Sogenannte energieautarke Wohnhäuser können Photovoltaik, Solarthermie und Energiespeicher intelligent mit dem Strom- und Wärmebedarf der Bewohner verknüpfen und so ohne Strom- oder Gasanschluss auskommen. Die nordfriesische Insel Pellworm erreicht diese Unabhängigkeit von externen Lieferanten mit Photovoltaik und Windenergie, kombiniert mit einem Großspeichersystem, dezentralen Hausspeichern, regelbaren Ortsnetz-Transformatoren, einer speziellen Leistungselektronik und einem Energiemanagementsystem. Dezentrale Erzeugungsanlagen sowie Energiespeicher lassen sich außerdem virtuell zu großen Playern bündeln. In Haßfurt beispielsweise wandelt ein Windgas-Elektrolyseur überschüssigen regenerativen Strom aus mehreren Wind- und Solarparks in Wasserstoff um. Das Leitsystem orientiert sich gleichzeitig am Gesamtstromverbrauch im Verteilnetz und dem Durchfluss des lokalen Erdgasnetzes, das den im Elektrolyseur produzierten Wasserstoff aufnimmt. Im Ergebnis kann die Anlage Regelenergie zur Netzfrequenzstabilisierung bereitstellen – die Präqualifikationsphase beim zuständigen Übertragungsnetzbetreiber Tennet läuft. Bereits für die Erbringung von Primärregelleistung präqualifiziert ist das Projekt Swarm von Speicherhersteller Caterva und Stromanbieter N-Ergie: Swarm fasst 65 privat genutzte Photovoltaik-Stromspeicher mit Hilfe von Leistungselektronik und intelligenter Steuerung zu einem virtuellen Großspeicher zusammen.

Einzelne Akteure müssen jedoch nicht in einem Schwarm untergehen. Möglich macht das Blockchain, eine Technologie für Peer-to-Peer-Transaktionsplattformen, der PricewaterhouseCoopers großes Potenzial auf dem Energiemarkt zuschreibt. Blockchain stärkt die Rolle des einzelnen Konsumenten und Produzenten, da jeder über entsprechende Plattformen die Möglichkeit erhält, Energie direkt und transparent zu kaufen und zu verkaufen. RWE und Vattenfall experimentieren bereits mit Blockchain-Anwendungen. Das eigene Kraftwerk kann also nicht nur auf dem eigenen Gelände stehen, sondern auch einen Klick entfernt im Netz.