Fluch? Segen?

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In modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften sind Rohstoffe unverzichtbare Grundlage einer breiten wirtschaftlichen Entwicklung. Anders sieht es jedoch oft in den Herkunftsländern der begehrten Bodenschätze aus: Einnahmen aus Rohstoffexporten können die Wirtschaft schwächen und sogar Nährboden für Korruption und Gewalt sein…

Ölstaaten, so die landläufige Meinung, sind reiche Staaten, denn dort fließen – in Form von Petrodollar – Milch und Honig. Die gegenteilige Erfahrung machen die Menschen in Nigeria. Der größte Erdölproduzent in Subsahara-Afrika gehört zu den zwanzig ärmsten Ländern der Welt, die Bewohner der Förderregion im Nigerdelta zu den Ärmsten des Landes: Ein großer Teil der Bevölkerung muss mit weniger als einem Dollar pro Kopf und Tag auskommen. Das schwarze Gold hat ihnen keine Entwicklung gebracht, sondern noch mehr Korruption und soziale Probleme, ökologische Schäden und gewalttätige Konflikte. Die vielen Milliarden US-Dollar an Erdöleinnahmen aus mehr als 50 Förderjahren sind an ihnen vorbeigeflossen.

Öl und andere Rohstoffe sind ein lukratives Geschäft(sfeld). Sie stellen mehr als ein Drittel aller Güter im Welthandel dar, und ihr weltweiter Verbrauch könnte sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2050 auf jährlich 140 Milliarden Tonnen verdreifachen. Grund für den deutlichen Anstieg sind das weltweite Bevölkerungswachstum, der hohe Verbrauch in Industrieländern und der sich immer weiter vollziehende Wandel von aufstrebenden Entwicklungs- und Schwellenländern hin zu modernen Industrienationen. Allein die prosperierenden BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – stehen eigenen Zahlen sowie einer aktuellen Studie der Louisiana State University zufolge für 40 Prozent der Weltbevölkerung, knapp neun Billionen Dollar Wirtschaftskraft und 45 Prozent des weltweiten ökonomischen Wachstums seit der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise. Experten wie der seit Jahrzehnten im Rohstoffsegment tätige Börsenguru Jim Rogers gehen daher davon aus, dass in den kommenden 25 Jahren mehr Rohstoffe benötigt werden als in der gesamten Menschheitsgeschichte davor.

Metalle und Mineralien, Öl, Kohle und Gas stammen meistens nicht aus den Regionen, in denen sie verarbeitet oder verbraucht werden. Deutschland beispielsweise, einer der größten Rohstoffverbraucher der Welt, bezieht Energie- und Metallrohstoffe sowie viele Industriemineralien aus mehr als 160 Ländern. Was grundsätzlich nach einer günstigen Ausgangslage für lebhafte internationale Wirtschaftsbeziehungen und weltweit prosperierende Volkswirtschaften klingt, kann jedoch sowohl Import- als auch Exportnationen Probleme bereiten. Denn die weltweiten Rohstoffvorkommen sind nicht nur ungleich verteilt, sondern teilweise in politisch instabilen oder kritischen Ländern zu finden. Drei Viertel der Erdölreserven der Welt liegen innerhalb der sogenannten strategischen Ellipse, die sich vom Nahen Osten über den Kaspischen Raum bis in den Norden Russlands erstreckt; etwa 13 Prozent wird in Afrika gefördert. Uran stammt nicht nur aus Kanada und Australien, sondern auch aus Kasachstan, Niger und Russland. Weltgrößter Exporteur des Aluminiumerzes Bauxit ist Guinea. Über 90 Prozent der weltweiten Platinproduktion kommt aus Südafrika, Russland und Simbabwe. Tantalerze finden sich in Australien, Brasilien und Kanada, aber auch in Äthiopien, Mosambik, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo.

Die Rohstoffe verarbeitende Industrie sieht sich angesichts des international wachsenden Rohstoffhungers von Versorgungsengpässen und damit in ihrer Wettbewerbsfähigkeit bedroht. Bei der deutschen Regierung und auch auf EU-Ebene stieß die von vielen Unternehmen und Wirtschaftsverbänden geäußerte Forderung, die Sicherheit der Rohstoffversorgung zum politischen Ziel zu erklären, auf offene Ohren – was jedoch nicht zu dem staatlichen Engagement führte, das sich viele Unternehmen gewünscht hätten: Während sich China für heimische Betriebe als Zentraleinkäufer betätigt und in Afrika oder Lateinamerika ganz konkret Entwicklungshilfe mit Liefergarantien für Metalle verknüpft, werden sich deutsche Unternehmen weiter selbst um ihre Rohstoffe kümmern müssen. In ihrer 2010 veröffentlichten Rohstoffstrategie stellte die Bundesregierung klar, „dass es grundsätzlich Aufgabe der Wirtschaftsunternehmen ist, ihre Rohstoffversorgung sicherzustellen.“ Zwar strebe auch Deutschland Rohstoffpartnerschaften mit ausgewählten Produzentenländern an, dabei sollen jedoch „außen-, wirtschafts- und entwicklungspolitische Zielsetzungen eng miteinander verzahnt“ werden. Damit wird die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den Förderländern als ebenso wichtig angesehen wie  die Rohstoffsicherung für die deutschen Unternehmen. Die EU hat sich ebenfalls eine „aktive Rohstoffdiplomatie“ zum Ziel gesetzt; strategische Partnerschaften und politische Gespräche sollen den Zugang zu Rohstoffen sichern. 2010 hat die EU-Kommission außerdem mit der Kommission der Afrikanischen Union eine bilaterale Zusammenarbeit im Hinblick auf Rohstoffe und Entwicklungsfragen beschlossen, die sich auf drei Bereiche konzentrieren soll: Good Governance, Investitionen und geologisches Know-how.

Kritiker zweifeln allerdings daran, dass die Chancen für Förder- und Importländer tatsächlich gleichwertig sind. Sie sehen in den Rohstoffstrategien Deutschlands und der EU nicht in erster Linie mögliche Synergien zwischen Wirtschafts- und Entwicklungspolitik, sondern eine Gefahr: Künftig könnten nationale wirtschaftliche Interessen und nicht mehr humanitäre Faktoren und die eigene Verantwortung Motor der Internationalen Zusammenarbeit sein. Sie warnen vor einem Paradigmenwechsel, vor einer Instrumentalisierung der Entwicklungszusammenarbeit für die Belange der Geberländer.

Der Rohstoffstrategie der Bundesregierung zufolge werden sich die konkreten Maßnahmen aber weiterhin „am Leitgedanken der Nachhaltigen Entwicklung orientieren“. Und dies tut Not: Allein in Sub-Sahara-Afrika liegen zehn der am wenigsten entwickelten Länder der Welt, die sehr wahrscheinlich die meisten der von den Vereinten Nationen formulierten Millenniums-Entwicklungsziele (MDG) verfehlen werden, obwohl sie über immense Rohstoffvorkommen verfügen. Ein als Paradox of Plenty oder Rohstofffluch bekanntes Phänomen: Reichtum an Bodenschätzen geht oft mit Armut, schlechter Regierungsführung und gewalttätigen Konflikten einher und scheint so eine nachhaltige Entwicklung eher zu behindern als zu begünstigen. Allerdings sind selbst Industrienationen mit funktionierenden staatlichen Strukturen nicht vor Nachteilen gefeit: Die Niederlande erzielten in den 1960er Jahren hohe Einnahmen durch Erdgasexporte. Das führte zu einer Aufwertung der heimischen Währung und damit zu erheblichen Nachteilen für andere exportorientierte Wirtschaftszweige, außerdem stiegen Löhne und Preise und damit die Inflation – Symptome der sogenannten Holländischen Krankheit oder Dutch Disease, die auch in anderen Nationen mit hohen Rohstoffexporten wie Venezuela oder Aserbaidschan zu beobachten sind.

Allerdings sind weder Rohstofffluch noch Holländische Krankheit zwingende Folgen von Ressourcenreichtum, auch dann nicht, wenn diese in gering entwickelten Staaten gefunden werden. Botswana beweist das bereits seit Jahrzehnten. 1966, dem Jahr der Unabhängigkeit, war Botswana eines der ärmsten Länder der Erde. Ein Jahr später wurden im Kalaharisand die ersten Diamanten entdeckt, und seit 1969 hebt Debswana, ein Joint-Venture der botswanischen Regierung und des südafrikanischen Diamantenkonzern De Beers, den Milliarden schweren Schatz – etwa 25 Millionen Karat im Jahr, ein Viertel der Weltproduktion. Um Aufbereitung und Vertrieb kümmert sich seit 2010 die Diamond Trading Company Botswana (DTCB), ein weiteres Joint-Venture der beiden Partner. Über 50 Prozent der Gewinne gehen an den Staat. Und der verfügt nicht nur über den politischen Willen, diese Gewinne gerecht zu verteilen, sondern auch über funktionierende Institutionen, demokratische Strukturen und die laut Transparency International geringste Korruption in Subsahara-Afrika.

Ohne einen solchen Rahmen laufen speziell Diamanten Gefahr, nicht der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zu dienen, sondern – wie beispielsweise in Sierra Leone, Angola oder der Demokratischen Republik Kongo – der Finanzierung von Waffenkäufen und Bürgerkriegsparteien. Die Steine sind wertvoll, weltweit begehrt und wegen ihrer geringen Größe leicht zu schmuggeln und schwer zu kontrollieren. 2003 haben daher die internationale Diamantenindustrie und einige Nichtregierungsorganisationen den Kimberley-Prozess initiiert, bei dem Regierungen die Herkunft der Steine aus konfliktfreien Gebieten zertifizieren. Ein innovativer Ansatz, der aber Ian Smillie, dem Architekten des Kimberley-Prozesses, zufolge trotz einiger Erfolge zur Befriedung des Sektors nicht ausreicht: Es fehle an der Bereitschaft der Regierungen, tatsächlich gegen Diamantenschmuggel und Menschenrechtsverletzungen vorzugehen.

Weiteren Rückenwind für transparente Handelsketten gibt es aus der Politik. US-Präsident Barack Obama beispielsweise hat im Juli 2010 den „Dodd-Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act“, kurz Dodd-Frank-Act, unterschrieben. Artikel 1504 dieser Verordnung verlangt von Unternehmen, die im Bergbau und in der Förderung von Erdöl tätig und an einer US-Börse notiert sind, über ihre Zahlungen an ausländische Regierungen Bericht zu erstatten – an einer vergleichbaren Regelung für Europa arbeitet bereits die EU-Kommission. Möglich, dass sie auch Artikel 1502 des Dodd-Frank-Acts aufgreift: Dieser sieht den Erlass eines Gesetzes über Meldepflichten für die sogenannten Konfliktrohstoffe Gold, Kassiterit, Wolframit und Coltan aus der Demokratischen Republik Kongo und den angrenzenden Ländern Angola, Burundi, Republik Kongo, Ruanda, Sambia, Sudan, Tansania, Uganda und Zentralafrikanische Republik vor. Das Gesetz soll den Handel mit Mineralien, mit denen in der Region bewaffnete Konflikte finanziert werden und der immer wieder zu massiven Menschenrechtsverletzungen führt, transparent machen. Daher müssen an US-Börsen notierte Unternehmen zukünftig ihre Liefer- und Produktketten offenlegen, sofern sie diese Rohstoffe aus den genannten Ländern verwenden. Ein sinnvoller, aber für die Region eventuell zu schneller Vorstoß: Zwar laufen seit einigen Jahren Projekte zum Beispiel zur Zertifizierung von Handelsketten mineralischer Rohstoffe oder zur chemisch-mineralogischen Identifizierung von Tantal-Erzkonzentraten aus anerkannten oder registrierten Betrieben innerhalb der Handelskette, aber die neuen Systeme sind noch nicht flächendeckend etabliert. Der Dodd-Frank-Act könnte daher dazu führen, dass sich Unternehmen auf dem Weltmarkt andere Lieferanten suchen und die betroffenen Länder auf lange Zeit wichtige Abnehmer verlieren.

Aber nicht nur Gesetzgeber fordern unbedenkliche Rohstoffbezugsquellen, sondern auch viele Unternehmen selbst: als Bestandteil verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns, ihrer Corporate Social Responsibility (CSR).

Den vollständigen Artikel finden Sie im Archiv von GIZ akzente.