Geben und Nehmen in Thüringen

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1,3 Milliarden Euro will das Emirat Abu Dhabi in Produktionsstätten für Dünnschicht-Solarmodule investieren. Die ersten 150 Millionen fließen jetzt ins thüringische Ichtershausen…

Sultan Al Jaber ist Geschäftsmann durch und durch. „Abu Dhabi besitzt im Bereich Energie eine globale Führungsposition. Deshalb befassen wir uns mit neuen Technologien und streben auch im Bereich der alternativen Energiequellen eine Führungsposition an.“ So einfach begründet der Chef von Masdar, Abu Dhabis staatlicher Initiative zur Förderung erneuerbarer Energien, das Interesse seines Landes an Solartechnik. Für morgenländische Romantik bleibt da weder Zeit noch Raum, auch wenn am arabischen Büffet Datteltee und Lammbraten gereicht werden, das Personal malerisch gekleidet ist und bunte Wimpel an den mit goldenen Halbmonden geschmückten Festzelten flattern. Aber Sultan Al Jaber ist nicht mit Gutrah und Dishdash im thüringischen Ichtershausen erschienen, sondern mit schwerer Uhr und im eleganten dunklen Anzug. Denn es geht um Big Business: Geld, Know-how, Arbeitsplätze.

Selbst für den investitionsverwöhnten Solarstandort Thüringen sind die Pläne der Masdar PV GmbH etwas Besonderes. Im Mai 2008 gab das Unternehmen be-kannt, über eine Milliarde Euro in die Fertigung von modernen Dünnschicht-Solarmodulen investieren zu wollen. Und bereits Ende August rammte Sultan Al Jaber wenige Kilometer südlich der Landeshauptstadt Erfurt – in Sichtweite von Ersols im November eröffneter Waferfabrik – einen Spaten in die Erde und markierte so den Baubeginn der ersten Produktionsstätte. 150 Millionen Euro steckt Masdar in das deutsche Werk, das im dritten Quartal 2009 mit einer jährlichen Kapazität von 70 Megawatt die Produktion aufnehmen und 180 Arbeitsplätze in der Solarregion schaffen soll. Auf Anlagen von Applied Materials werden dann 5,7 Quadratmeter große PV-Module hergestellt.

Die Investition in Deutschland ist für Sultan Al Jaber ein logischer Schritt. „Wenn Sie in eine Technologie investieren wollen, müssen Sie ins Zentrum dieser Technologie gehen“, erklärt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler. „Deutschland ist im Bereich Photovoltaik weltweit führend. Es gibt hoch qua-lifizierte Arbeitskräfte, ein attraktives Investitionsklima und einen direkten Zugang zum europäischen Markt. Außerdem: Wir sind hier sehr herzlich willkommen geheißen worden. Deutschland ist daher ein idealer Partner für Masdar.“ Masdars CEO macht keinen Hehl daraus, dass diese Partnerschaft aus Geben und Nehmen bestehen wird. Parallel zur Produktionslinie in Ichtershausen entstehen – nach deutschem Vorbild – zwei weitere in Abu Dhabi, die 2010 mit einer Kapazität von 140 Megawatt im Jahr in Betrieb gehen sollen.

Ichtershausen dient Abu Dhabi als Referenzobjekt: als Basis für den Transfer von Technologie und Know-how. Daher sollen in Thüringen neben der Produktion auch Kapazitäten für Forschung und Entwicklung, Marketing und Vertrieb aufgebaut werden. Und in Abu Dhabi sollen gemischte Teams dafür sorgen, dass die in Deutschland eingesetzte Technik auch unter der Wüstensonne funktioniert. Rainer Gegenwart, Chef von Masdar Deutschland, verspricht einen regen Austausch – Mitarbeiter der Masdar-Niederlassungen in Deutschland und Abu Dhabi können sich also schon mal auf Dienstreisen in das jeweilige Partnerland einstellen.

Die Produktionskapazität beider Standorte ist bereits verplant. Ein Teil der Module ist langfristig auf dem Weltmarkt verkauft, das Gros der Produktion ist zur Deckung von Masdars Eigenbedarf vorgesehen. Denn in den Vereinigten Arabischen Emiraten wird gerade mit Masdar City die erste CO2- und abfallfreie Stadt aus dem Boden gestampft. Im Mittelpunkt dieses Großprojekts stehen solarthermische Kraftwerke und Photovoltaik, außerdem Windenergie und Solarkühlung.

Denn selbst die Ölscheichs wissen, dass sich der globale Energiemarkt wandelt, auch wenn die Welt ihrer Ansicht nach noch viele Jahrzehnte lang Öl nutzen wird. „Regenerative Energien werden immer wichtiger“, meint Sultan Al Jaber, der in diesem Wandel mehr eine Chance sieht als eine Bedrohung. „Öl und Gas allein können mit dem weltweiten Wachstum nicht mithalten, daher müssen wir in Zukunft ein Bündel von Energiequellen nutzen. Und im Interesse der Umwelt sollten alle neuen Quellen, die wir erschließen, sauber und erneuerbar sein.“

Im Interesse der Umwelt – und im Interesse des Landes. „Die geografischen Gegebenheiten von Abu Dhabi und unsere Vision, der weltweite Marktführer für erneuerbare Energien zu werden, machen die Dünnschicht-Photovoltaik zu einem natürlichen Schwerpunktgebiet für Masdar“, sagt Sultan Al Jaber. Damit nicht genug. Um wesentliche Kostenvorteile bieten zu können, soll in Masdars Photovoltaikgeschäft die gesamte Wertschöpfungskette integriert werden: Silizium, Ingots, Wafer, Zellen und Module. Abu Dhabi will nicht länger Importeur moderner Technologie sein, sondern Entwickler und Exporteur. Masdars Ziel ist, bis 2014 eine Jahresproduktion von einem Gigawatt zu erreichen. Dafür müssen aber erst noch weitere Werke gebaut werden, laut Rainer Gegenwart kommen dafür auch die USA oder Asien als Standorte in Betracht.

Angesichts der ehrgeizigen Pläne der arabischen Geschäftsleute war die Freude im Festzelt nicht ungetrübt. An vielen Stehtischen wurden Zweifel daran laut, dass Masdars Engagement in Thüringen tatsächlich partnerschaftlich und nachhaltig ist – trotz der Friedensgespräche, die die Landesentwicklungsgesellschaft seit Wochen mit den anderen Unternehmen der Solarregion führt. Denn der an Petrodollar reiche Investor könnte mit höheren Löhnen die für den Standort so wichtigen Spezialisten abwerben – und in ein paar Jahren gleich die ganze Fabrik nach Abu Dhabi verlegen, wenn die Bindungsfristen für die Fördermittel abgelaufen sind.

Auch Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus kann sich diesem Spannungsfeld nicht entziehen. Einerseits würdigt er die große Investition, die den Solarstandort Thüringen voranbringe, appelliert jedoch gleichzeitig an alle Beteiligten, auf eine gemeinsame Zusammenarbeit hinzuwirken. Und besonders große Erwartungen hegt Althaus angesichts der Perspektiven für sein Bundesland. Denn unter Umständen werden noch mehr Ölmillionen an den Solarstandort Thüringen fließen. Im Moment verfügt Masdar südlich des Erfurter Kreuzes über eine Fläche von acht Hektar, kann jedoch bei Bedarf noch wei-tere sieben Hektar nutzen – wenn das Unternehmen sich entschließt, das Werk von einer auf bis zu vier Produktionslinien auszubauen. Dann könnten, sofern die Marktlage den Ausbau sinnvoll erscheinen lässt, bis zu 600 Menschen in Thüringen für Masdar arbeiten. Die Marktlage ist gerade auch recht gut: Zurzeit erwirtschaften die 48 Unternehmen der Thüringer Solarindustrie mit knapp 2.500 Beschäftigten einen Jahres-umsatz von 800 Millionen Euro. Nach Auffassung der Landesregierung hat die Solarwirtschaft das Potenzial, eine Leitindustrie ähnlich dem Automobil- oder dem Maschinenbau zu werden – immerhin wird bis 2020 ein jährliches Marktwachstum von 20 Prozent erwartet.

Trotz aller Zweifel an Masdars Investmentplänen: Teile der PV-Industrie begrüßen die Entwicklung. „Das könnte ein Paradigmenwechsel in der Solartechnik sein – eine echte Wende“, meint EPIA-Präsident Winfried Hoffmann. „Der Einstieg solch großer Energieunternehmen in die Solarenergie ist erfreulich. Neben Kapazitätsveränderungen werden auch neue und große Märkte im Nahen Osten erschlossen, in denen es viel Sonne für den Einsatz von PV-Systemen gibt – und viel Kapital.”