Gelebte Solidarität

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Inklusion ist bei den Berliner Kindergärten NordOst nicht nur Teil des pädagogischen Konzepts. Elf Prozent der Beschäftigten sind schwerbehindert – damit liegt der Eigenbetrieb des Landes deutlich über den gesetzlichen Vorgaben…

Mario Czaja war sichtlich beeindruckt. „Die Kindergärten NordOst zeigen, dass Inklusion im Unternehmen eine Selbstverständlichkeit sein kann“, sagte der Senator für Gesundheit und Soziales des Landes Berlin bei der Verleihung des Berliner Inklusionspreises. Seit 2003 vergeben die Senatsverwaltung und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) diesen Preis jährlich an drei Berliner Firmen, die bei der Inklusion von schwerbehinderten Menschen mit gutem Beispiel voran gehen. In der Kategorie Großunternehmen ging der Inklusionspreis 2015 an die Kindergärten NordOst, die in den Berliner Bezirken Pankow, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf insgesamt 77 Einrichtungen betreiben. „Der Maßnahmenkatalog ermöglicht nicht nur schwerbehinderten Menschen, sondern allen Beschäftigten eine benachteiligungsfreie Teilhabe am Arbeitsleben“, so Czaja. Denn das Gesamtkonzept reiche von der Gesundheitsfürsorge über die Prävention bei Gefährdungen am Arbeitsplatz bis hin zur behindertengerechten Arbeitsplatzgestaltung.

Anfang 2006 gründete das Land Berlin fünf Eigenbetriebe, in die die kommunalen Kindergärten durch die Bezirke überführt wurden. Der größte dieser Eigenbetriebe sind die Kindergärten NordOst, die in ihren Einrichtungen täglich rund 10.000 Kinder zwischen null und sechs Jahren betreuen. Im pädagogischen Bereich ist Inklusion tief verankert: Etwa 655 dieser Kinder brauchen zusätzliche Förderung auf Grund von dauerhaften gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Dafür stellt der Betrieb mehr als 200 Personalstellen für Facherzieher für Integration oder Heilpädagogen bereit, die durch eine eigene „AG Inklusion“ fachlich unterstützt werden. Das betriebseigene Bildungs- und Begegnungszentrum bietet außerdem für alle Beschäftigten regelmäßige Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen zum Themenkomplex Integration/Inklusion an. Aber auch in der Personalarbeit spielt Inklusion eine wichtige Rolle. Der größte Berliner Kita-Träger hat zurzeit insgesamt 1.900 Beschäftigte. Darunter sind 204 Menschen mit einem anerkannten Status einer Behinderung. Das entspricht einer Quote von mehr als elf Prozent – weit mehr als gesetzlich vorgegeben.

Die behinderten Beschäftigten werden im Unternehmen von zwei Vertrauenspersonen intensiv betreut und vertreten. Eine von ihnen ist die Schwerbehindertenvertrauensperson Liane Merkel. „Die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung erfordert untereinander zum Teil große Rücksichtnahme“, erklärt sie. Mitarbeiter mit Handicap sind bei den Kindergärten NordOst in allen Arbeitsbereichen zu finden – Erzieherinnen, Leitungskräfte, technisches Personal und Verwaltungsangestellte sind dabei. Viele arbeiten schon seit Jahren für den kommunalen Träger und werden erst wegen einer Erkrankung oder im Alter mit einer Behinderung eingestuft. Dass sie dann häufig nicht mehr zu 100 Prozent die Leistung erbringen können, die im Job gefordert ist, sorgt manchmal in den Teams für Unmut. Die ohnehin knappe Personaldecke stellt die Solidarität mit gehandicapten Kollegen auf die Probe, schließlich könnte jeder Beschäftigte Unterstützung in seinem stressigen Joballtag gut gebrauchen. Dann ist Liane Merkel gefragt – zuhören, vermitteln, nach einer Lösung suchen. Sie kennt zum einen die Vorgaben der Behörden und die möglichen Finanztöpfe. Sie kann aber auch vermitteln, wenn die Bedürfnisse der behinderten Beschäftigten und die Jobprofile kollidieren.

Nun ist die Vorstellung nach der vollen und gleichberechtigen Teilhabe behinderter Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen Deutschlands nicht neu. Sie ist im Grundgesetz prominent verankert und hat seit 1995 mit dem Artikel 11 auch im Land Berlin Verfassungsrang. Für einen weiteren Impuls sorgte 2007 die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland als einer der ersten Staaten unterzeichnete. Trotzdem gibt es gerade in der Arbeitswelt noch viel Luft nach oben, da sich dort Inklusion nicht anordnen lässt. Für viele Personalverantwortliche steht die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten an erster Stelle. Eine Behinderung wird von ihnen oft gleichgesetzt mit einer reduzierten Leistungsfähigkeit, wie unter anderem eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2014 zeigt. Position vieler Arbeitgeber: Ein Mensch mit Behinderung erfüllt die Leistungs-, Flexibilitäts- und Qualifikationsanforderungen nicht oder nur eingeschränkt. Michael Witte, pädagogischer Geschäftsleiter der Kindergärten NordOst, sieht das anders. Zum einen ist für ihn die Inklusion am Arbeitsplatz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Im Unternehmen sieht er Inklusion als Pflicht – mit Blick auf die betreuten Kinder ebenso hinsichtlich der Beschäftigten. Die Aufbereitung und Archivierung ihrer Unterlagen vertrauen die Kindergärten NordOst daher auch Werkstätten für behinderte Menschen an. Damit soll über das eigene Unternehmen hinaus die berufliche Teilhabe schwerbehinderter Menschen gefördert werden, die auf den geschützten Bereich der Werkstatt angewiesen sind.

Angesichts der demografischen Entwicklung trägt diese oft beschworene verbesserte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben nicht zuletzt dazu bei, dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Selbstverständlich müssen Beschäftigter und Arbeitsplatz zusammenpassen – „aber Unternehmen können auch viel dafür tun, dass es passt“, sagte Liane Merkel. Schließlich sei Inklusion ein permanenter Prozess, der gestaltet und von allen gelebt und geleistet werden müsse. „Wir wollen die Leute halten, so lange es geht.“ Ausweichmöglichkeiten hat das Unternehmen allerdings nicht. Wenn eine Erzieherin krank wird, kann sie bei einem Kita-Träger nun mal nur schwer einen anderen Job finden – nicht zuletzt, weil es selbst bei einem so großen Unternehmen wie den Kindergärten NordOst im Grunde keine Alternativen gibt.

Oft muss es aber auch keine andere Stelle sein: Technische Arbeitshilfen und Umbauten können viele Arbeitsschritte weniger belastend machen. Wer Probleme mit der Wirbelsäule oder eine andere Muskel-Skelett-Erkrankung hat, sollte nicht schwer heben – da ist es hilfreich, wenn Kleinkinder über eine Treppe und an der Hand der Erzieherin selbst auf den Wickeltisch steigen können. Auch viele andere Dinge können die verschiedenen Belastungen an den unterschiedlichen Kita-Arbeitsplätzen reduzieren: ein Lastenaufzug zwischen den Stockwerken, eine Rampe im Eingangsbereich, leichtere Krippen- und Kinderwagen, rückenfreundliche Stühle, besserer Lärmschutz. Problem: Bis diese notwendigen Dinge gebaut oder beschafft werden, vergeht oft viel Zeit. Das liegt nicht an Liane Merkel, die in vielen Gesprächen versucht herauszufinden, welche Hilfen sinnvoll und auch bezahlbar sind. Aber die staatlichen finanziellen Mittel werden seit Jahren gekürzt. Stattdessen sollen die Arbeitgeber verstärkt einspringen – keine leichte Aufgabe für einen kommunalen Eigenbetrieb. Liane Merkel würde sich daher bessere Rahmenbedingungen wünschen, beispielsweise mehr Geld oder einen persönlicheren Umgang der Behörden mit den einzelnen Fällen.

Für ein bisschen mehr Geld hat jetzt der Berliner Inklusionspreis gesorgt. Die 10000 Euro Preisgeld decken zwar längst nicht den Bedarf, sind aber trotzdem eine Hilfe. Liane Merkel hat eine Bedarfsermittlung gemacht, und der Eigenbetrieb wird die Gelder vor allem für unterschiedliche technische Arbeitshilfen vom höhenverstellbaren Wickeltisch bis zu besonders geeigneten Reinigungsgeräten und Küchenhilfsmittelm verwenden – Investitionen, die den behinderten und nicht behinderten Beschäftigten gemeinsam über Jahre zugutekommen. Damit fließt das für die Inklusion verliehene Preisgeld direkt wieder in die Inklusionsarbeit zurück. Außerdem dürfen die Kindergärten NordOst jetzt drei Jahre lang mit dem Inklusionspreis werben. Das ist nicht nur eine Auszeichnung für die Beschäftigten und das engagierte Konzept, sondern hilft auch dabei, Sponsoren und ehrenamtliche Unterstützer für die Arbeit der Kindergärten NordOst zu gewinnen. Senatsverwaltung und LAGeSo wiederum hoffen, dass sich vergleichbare Unternehmen ein Beispiel an dem Berliner Eigenbetrieb nehmen – schließlich sei dessen Konzept für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen, so Czaja, „nachahmenswert und ermutigend“.