Kundenbindung mit dem Ladekabel

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Tankstationen für Elektrofahrzeuge gehören zu den neueren Serviceangeboten des LEH. Im Detail unterscheiden sich die Konzepte, aber ihr Kern ist immer gleich: Die Kunden sollen die Ladezeit im Laden verbringen…

Bei der Produktion von Elektrofahrzeugen spielen deutsche Hersteller ganz vorne mit: 22 elektrische Serienmodelle haben sie bereits auf den Markt gebracht, noch in diesem Jahr werden sieben weitere dazukommen. Bei den Neuzulassungen liegen E-Mobile in Deutschland zwar bislang unter einem Prozent, die Nachfrage steigt jedoch deutlich an. Damit landesweit die Lade-Infrastruktur Schritt hält, fordert der Verband der Automobilindustrie (VDA) ein 10.000-Säulen-Programm: „Ob auf dem Supermarktparkplatz, in der Tiefgarage oder vor der eigenen Haustür: Jeder Autofahrer muss sein Fahrzeug überall rasch aufladen können“, so Geschäftsführer Ulrich Eichhorn – also überall, wo die Nutzer es ohnehin abstellen.

Für viele Unternehmen des Einzelhandels ist dieser Ansatz nichts Neues. Speziell der LEH, dessen Filialen die Kunden besonders regelmäßig ansteuern, bietet auf seinen Parkplätzen bereits seit Jahren Lademöglichkeiten für zwei- und vierrädrige Elektrofahrzeuge an – nicht zuletzt zur Kundenbindung. Aldi Süd setzte dieses Engagement in diesem Jahr besonders öffentlichkeitswirksam in Szene. Unter dem Motto „Sonne tanken“ errichtete die Unternehmensgruppe 50 Schnellladestationen auf Aldi-Parkplätzen in Ballungsräumen wie Düsseldorf, Frankfurt am Main, Köln, Mülheim an der Ruhr, München und Stuttgart. Technologiepartner ist der Energieversorger RWE, der unterschiedliche Ladeverfahren an den Stationen garantiert und auch für gesonderte Ladepunkte für elektrisch betriebene Zweiräder sorgt. Den Strom sollen die Photovoltaikanlagen liefern, die auf den jeweiligen Filialdächern installiert sind.

2,2 Millionen Euro hat Aldi Süd bislang in das Projekt investiert, die laufenden Betriebskosten für die Ladestationen schätzt das Unternehmen auf 27.500 Euro pro Jahr. Denn zumindest vorerst ist die Nutzung der Ladesäulen kostenlos und für alle E-Mobil-Fahrer möglich, selbst wenn sie nicht bei Aldi einkaufen. „Bereits kurz nach den offiziellen Eröffnungen sind die ersten Elektroautos zum Tanken auf unsere Parkplätze vorgefahren“, schildert Julia Batzing von Aldi Süd. Die positiven Rückmeldungen hätten die Erwartungen übertroffen. „Ob wir das Netz weiter ausbauen, hängt selbstverständlich von der weiteren Nutzung der Elektrotankstellen durch unsere Kunden ab“, so Batzing weiter. „Sollte unser Angebot auch künftig angenommen werden, spricht nichts gegen eine Ausweitung des Ladenetzwerks.“

Weitere Unternehmen des LEH investieren ebenfalls, kommunizieren das jedoch zurückhaltender als Aldi Süd. Lidl beispielsweise macht zwar keine Angaben zu Investitionen oder strategischen Ausrichtungen, beschäftigt sich aber mit dem Thema E-Tankstellen. „Wir stellen unseren Kunden bereits seit einigen Jahren fünf Stromtankstellen für Elektrofahrzeuge an verschiedenen Standorten in Stuttgart zur Verfügung“, sagt Sprecherin Eva Groß. Die Kundenresonanz sei positiv.

Bei Tegut können die Kunden des Marktes in Marburg-Cappel ihre Elektrofahrzeuge kostenlos auftanken. Dort stehen seit Mai drei neue Schnellladestationen mit je zwei Ladepunkten, die von Kooperationspartner Rhönenergie betrieben werden. Die Kunden müssen sich lediglich einmal im Tegut-Markt anmelden und registrieren lassen, danach können sie mit einer persönlichen Chipkarte die Ladesäulen nutzen. „Die Stromtankstelle in Marburg-Cappel war ein Teil der Voraussetzungen, um als erster und bisher einziger Supermarkt in Deutschland mit dem Blauen Engel ausgezeichnet zu werden“, erläutert Tegut-Sprecherin Stella Kircher. Außerdem könne Tegut die Kunden mit Hilfe der Stromtankstelle und deren Nutzer für das Thema nachhaltige Energie sensibilisieren. Mit der Resonanz auf die neue Ladestation ist das Unternehmen so zufrieden, dass Tegut in den kommenden Wochen eine weitere Stromtankstelle in Bad Neustadt eröffnen wird, baugleich mit der in Marburg-Cappel und ebenfalls mit dem Kooperationspartner Rhönenergie.

Rewe hat sich ebenfalls parallel mit Umwelt- und Gebäudestandards erstmals mit Elektrotankstellen beschäftigt. Als im Jahr 2010 in Berlin der erste Green-Building-Supermarkt des Unternehmens eröffnete, gehörte eine Stromtankstelle zum Konzept. Gemeinsam mit dem damaligen Kooperationspartner Vattenfall stattete Rewe damals neben dem Pilotmarkt zehn weitere Berliner Märkte mit Ladestationen aus. Inzwischen gibt es E-Tankstellen neben Berlin ebenso in anderen Großstädten wie Köln und Hamburg, aber auch in der Fläche; weitere sind laut Rewe beispielsweise in Norderstedt und Bremen fest geplant. Über genaue Zahlen oder ein Gesamtkonzept verfügt das Unternehmen wegen seiner genossenschaftlichen Struktur jedoch nicht. „In vielen Bereichen liegt die Verantwortung bei den selbstständigen Kaufleuten vor Ort“, sagt Rewe-Sprecher Thomas Bonrath. „Entsprechend unterschiedlich sind die Konzepte. Wir wissen aber, dass viele Kaufleute im Bereich Nachhaltigkeit sehr engagiert sind und den Kunden passende Services anbieten, auch zur Elektromobilität.“

Auf passende Services setzt auch Globus SB-Warenhaus. Konventionelle Tankstellen finden sich an vielen Globus-Standorten, da lag es für das Unternehmen nahe, auch die Elektromobilität zu unterstützen. Zurzeit sind sechs Filialen mit Lademöglichkeiten für Autos und Fahrräder ausgestattet, die die Kunden nach einer einmaligen Registrierung kostenlos nutzen können. „Wir planen eine Weiterentwicklung im kleinen Rahmen, beispielsweise sind bei neuen Märkten Ladestationen von vornherein vorgesehen“, erläutert Franko Berkenbrink. Wie bei den anderen LEH-Unternehmen hängt die Zukunft des Angebots von der Kundenresonanz und der grundsätzlichen Entwicklung der Elektromobilität ab. Wenn diese ihren Exotenstatus verliert, werden die Kunden an den Ladestationen des Handels wahrscheinlich ebenso tanken wie bislang an den konventionellen Tankstellen: gegen Bezahlung.

 

Konkurrierende Standards
Bislang gibt es für Ladestationen keinen universellen Standard. Zwar ist 2014 die EU-Richtlinie über den Aufbau der Infrastruktur für alternative Kraftstoffe in Kraft getreten, die Ordnung in das Steckerchaos für Elektrofahrzeuge und Plug-in-Hybride bringen soll. Diese wurde in den Mitgliedstaaten jedoch noch nicht in nationales Recht umgesetzt. Lediglich Deutschland hat bislang der EU-Kommission den Entwurf einer Ladesäulenverordnung zur Notifizierung vorgelegt. Demnach soll in Deutschland künftig bei jeder neuen Ladestation für das Laden mit Gleichstrom das von deutschen Herstellern favorisierte „Combined Charging System“ (CCS) Pflicht werden. Bestehende Säulen müssen jedoch nicht nachgerüstet werden. Außerdem sollen die konkurrierenden Gleichstrom-Verfahren Chademo und Tesla erlaubt bleiben; bei neuen Ladestationen sieht der Entwurf „aus Gründen der Interoperabilität“ jedoch einen zusätzlichen CCS-Anschluss vor. Beim Laden mit Wechselstrom soll der Anschluss IEC Typ 2 – auch als Mennekes-Stecker bekannt – künftig Standard sein. Mit diesem System arbeiten die meisten öffentlichen Ladesäulen sowie die Wand-Ladestationen zur professionellen Ladung zu Hause. Außerdem passt das Kabel in die CCS-Buchse.