Learning by Doing

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someonePrint this page

Wie lernen Azubis möglichst anschaulich und nachhaltig, worauf es beim Thema Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit ankommt? Wenn sie ihre Unterweisungsmedien selbst entwickeln und gestalten, wie das Beispiel der Firma Dyckerhoff zeigt…

Cool sieht es aus, wie der junge Azubi mit Hemd und schicken Schuhen zügig und betont lässig die Treppe im Unternehmen herunterläuft – bis er eine Stufe nicht richtig trifft und sich ziemlich uncool auf dem Boden am Fuß der Treppe wiederfindet. Sein Kollege kann da nur kopfschüttelnd auf das deutlich sichtbare Handlaufschild an der Wand tippen. Zugestoßen ist dem allzu lässigen Azubi bei diesem Sturz zwar nichts Gravierendes. Aber es wäre erst gar nicht soweit gekommen, wenn er auf der Treppe nicht sein Handy gecheckt, sondern die Hand am Geländer gehabt hätte.

Dass der Treppensturz des Azubis in diesem konkreten Fall keine bösen Folgen hatte, hat noch einen anderen Grund: Die Szene war gestellt, der unsanfte Abgang Teil des Drehbuchs für einen Videoclip. Filmteam und Darsteller setzen sich aus Azubis des Unternehmens Dyckerhoff zusammen. „Ausbildung 4.0 – Wir zeigen’s euch“ nennt der Hersteller von Zement und Transportbeton das Projekt, das von der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) in der Kategorie „Auszubildende“ mit dem Förder­preis „Arbeit – Sicherheit – Gesundheit 2017“ ausgezeichnet wurde. Die Auszubildenden im zweiten und dritten Lehrjahr erstellen dabei auf ihre eigene Art und Weise Präsentationen und Kurzfilme zum Thema Arbeitssicherheit. Die Beiträge der jungen Leute, die bei Dyckerhoff in sechs verschiedenen Berufen ausgebildet werden, fließen aktiv in die Gestaltung der Unterweisungen mit ein und ergänzen die vorhandenen Unterlagen.

Die Verantwortlichen bei Dyckerhoff haben das Projekt initiiert, weil sie ihre Azubis aktiver als bisher in das Thema Arbeitssicherheit einbeziehen und das Thema frühzeitig in den Köpfen der jungen Kollegen verankern wollten. „Die Frage war natürlich, wie uns das am besten gelingt“, sagt Thomas Lutter, Fachreferent für Arbeitssicherheit am Dyckerhoff-Standort Wiesbaden. Zum Ausbildungsprogramm gehört das Thema natürlich von Anfang an. Udo Klein, verantwortlich für die Ausbildung von Industriemechanikern am Standort Göllheim, hat mit der praktischen Umsetzung viel Erfahrung. Er ist einer der Ausbildungsmeister, die mit Lutter und weiteren Kollegen das Projekt entwickelt haben. Denn: „Die Unterweisungsmedien sind oft Vordrucke oder Folien“, so Klein. „Wenn ich die Inhalte nicht für die Azubis lebhaft gestalte, lässt die Konzentration nach.“ Monologisierende Vorträge sind seiner Erfahrung nach zu langweilig; und es reicht auch nicht, relevante Teile wie Feuerlöscher oder ähnliches mitzubringen. „Wenn die Azubis nicht aktiv eingebunden sind, wirkt das alles nicht – und schon gar nicht auf Dauer.“

Die Lösung, welche die Ausbildungs- und Arbeitsschutzverantwortlichen bei Dyckerhoff schließlich entwickelt haben, ist ebenso einfach wie wirksam: selber machen lassen, Learning by Doing. Bei einem Treffen der Ausbildungsleiter im Jahr 2015 wurde die Idee geboren, die Auszubildenden in die Entwicklung der Unterweisungsmedien mit einzubeziehen: Die Azubis des zweiten Lehrjahres an den Standorten Deuna, Geseke, Göllheim, Neuwied, Lengerich und Wiesbaden produzierten Präsentationen zum Arbeitsschutz, die des dritten Ausbildungsjahres Kurzfilme. Das Unternehmen stellte ihnen nicht nur Zeit zur Verfügung, um arbeitssicherheitsrelevante Inhalte eigenständig zu entwickeln und aufzubereiten, sondern auch das technische Equipment wie beispielsweise die notwendigen Kameras.

Die Erfahrungen mit dem neuen Ansatz zeigten den Verantwortlichen rasch, dass ihre Azubis die vermittelten Inhalte besser und stärker verinnerlichen als bisher – dank der lebendigen Medien Zwar wurden bei Dyckerhoff schon vorher Präsentationen und Filme für die Unterweisungen eingesetzt. Deren Macher trafen bei Tonalität und Gestaltung aber offensichtlich nicht den Nerv der Zielgruppe. Auch die Azubis äußern sich positiv: „Visuelles nimmt man einfach deutlich viel besser auf, als wenn man etwas nur gesagt bekommt oder es lesen muss“, lautet das Fazit eines Teams: „Und vor allem, wenn es von den eigenen Kollegen kommt und nicht aus irgendwelchen Powerpoint-Präsentationen, die vielleicht auch noch von Leuten erstellt wurden, die mit dem Thema nicht wirklich was zu tun haben.“ Durch die Filme sei auch viel verständlicher geworden, was alles passieren kann, wenn man sich nicht an die Regeln halte – und damit auch, warum das Thema Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz so eine große Wichtigkeit habe. Dass die Videos manche Situationen überzeichnen oder extra zuspitzen, stört die Azubis nicht, eher im Gegenteil: „Manches ist zwar übertrieben – aber so übertrieben, dass man es sich gut merkt und dann mehr darauf achtet, was man selbst macht.“

In ihren Filmen und Präsentationen beschäftigten sich die Azubis mit unterschiedlichsten Bereichen rund um Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – sie fanden es einfach „cool, die Sache mal selbst in die Hand zu nehmen und sich eigene Konzepte zu überlegen.“ Dyckerhoff will das Konzept wegen der guten Resonanz bei den Azubis und dem nachhaltigen Lernerfolg auch bei zukünftigen Jahrgängen zu einem festen Baustein der Ausbildung machen. Der Themenkatalog, der dabei nach und nach entstehen wird, soll bereichs- und standortübergreifend eingesetzt werden. „Klar gibt es erstmal Gelächter, wenn man den unteren Lehrjahren die Filme vorführt“, sagt Günter Scherer, Ausbildungsmeister am Dyckerhoff-Standort Lengerich. „Aber sie merken sich die Inhalte auf alle Fälle. Das läuft.“