„Mit Lärm sind viele Erkrankungen assoziiert“

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Geräusche sind elementare Bestandteile menschlichen Lebens – im positiven wie im negativen Sinne. Dieser akustischen Vielfalt war der Tag gegen Lärm am 26. April gewidmet. Aktionsleiterin Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp über den Aktionstag sowie den sensiblen Umgang mit einem sensiblen Sinn…

Frau Schulte-Fortkamp, der diesjährige Tag gegen Lärm stand unter dem Motto „Akustische Vielfalt in Deutschland“. Was ist unter dieser Vielfalt zu verstehen?
Akustische Vielfalt bedeutet, dass Menschen den verschiedensten Schallquellen ausgesetzt sind und im Klangfeld verschiedener Geräusche stehen. Beim Tag gegen Lärm ging es also zum einen darum, sich gegen Lärm zu engagieren – aber auch darum, Dinge mitzuentwickeln oder mitzugestalten, die Lebensräume besser klingen lassen und belastende Strukturen verbessern.

Bei der zentralen Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Akustik in Berlin wurde das Motto ergänzt: „Errungenschaften, Herausforderungen, Probleme“. Welche Errungenschaften hat es bereits gegeben?
Die Motorisierung von Fahrzeugen beispielsweise ist heute weit weniger belastend als noch vor 20 Jahren. Zwar wird diese Entlastung unter Umständen durch das größere Gesamtaufkommen wieder kompensiert. Die Errungenschaft ist jedoch, dass sich Politik und Wirtschaft darum bemüht haben, Lösungen zur Entlastung zu finden. Die Politik hat sich über die letzten 20 Jahre enorm mit der Schallbelastung auseinandergesetzt, Konsequenz ist beispielsweise die EU-Direktive gegen Lärm am Arbeitsplatz oder die Umgebungslärmrichtlinie. Bei deren Umsetzung werden die Betroffenen mit einbezogen, was ein sehr wichtiges Element ist…

…und eine Herausforderung.
Partizipation ist immer eine Herausforderung, aber sie lohnt sich. Bei dem Berliner Projekt „Berlin soll leiser werden“ beispielsweise wurden mit vielen elektronischen Anzeigen in der ganzen Stadt die Berliner auf das Thema aufmerksam gemacht, 3000 Leute haben sich bei einer Veranstaltung aktiv eingebracht – und der Senat hat die Inhalte aufgegriffen. An diesem Punkt zeigten sich dann auch die Probleme beim Einsatz gegen Lärm. Zum einen ist es schwierig, Partizipation kontinuierlich sicherzustellen, zum anderen müssen darauf folgende Maßnahmen auch finanziert werden.

Wahrscheinlich gibt es ja bereits Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Geräusche belastend und welche angenehm sind.
In der Tat. Das haben unter anderem die Vorträge zum Thema „Stadtklang 2015“ im Rahmen der DEGA-Veranstaltung gezeigt. Bei dieser Aktion konnte jeder Lieblingsgeräusche aus seinem Umfeld hochladen – darunter waren auch Verkehrsgeräusche, nicht nur Glockenläuten. Lärm und dessen Wahrnehmung ist so unterschiedlich und so subjektiv konnotiert, dass man froh sein kann, wenn sich aus dem Feedback der Betroffenen tatsächlich Maßnahmen ableiten lassen.

Hat sich denn die Wahrnehmung von Lärm in den letzten 20 Jahren verändert?
Die Anfänge der Lärmwirkungsforschung lagen ganz klar im Bereich Lärm am Arbeitsplatz, was damit zu tun hatte, dass der Lärm dort nachweislich Ursache von Krankheiten war. Die Lärmdiskussion, die wir heute führen, hat eine andere Dimension. Beim Lärm am Arbeitsplatz steht die Frage der Hörschädigungen im Vordergrund, und das Problem der Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist eher nachrangig. Bei Umweltgeräuschen jedoch liegt der Fokus auf den Herz-Kreislauf-Erkrankungen und den Depressionen. Am Arbeitsplatz wurde zudem sehr schnell legislativ reagiert, was Dezibel-Grenzwerte und PSA-Vorschriften angeht. Sukzessive hat sich dann die Aufmerksamkeit auch auf Bereiche jenseits des Arbeitsplatzes verlagert. Denn das Problem ist, dass viele Erkrankungen zwar mit Lärm assoziiert sind, sich aber nicht eins zu eins der Lärmexposition zuordnen lassen. Bei Hörschädigungen lässt sich – speziell am Arbeitsplatz – der Zusammenhang noch am besten belegen, aber weitere Faktoren spielen eine Rolle. Das hängt mit der Diversität der Wirkungen zusammen, bezogen auf die Diversität der betroffenen Personen. Letztlich ist das mit allen Krankheitsbildern so – einfach gesagt: nicht alle Leute werden von derselben Sache krank.

Ist den Menschen trotzdem bewusst, dass sie sensibel mit ihrem Gehör umgehen müssen?
Viele Beschäftigte haben inzwischen ein Bewusstsein für die Risiken, denen sie ihr Gehör an lärmintensiven Arbeitsplätzen aussetzen. Eine meiner ersten Untersuchungen dazu habe ich in der 80er Jahren in der Druckerei der Uni Oldenburg gemacht. Damals war es schwierig, die Drucker davon zu überzeugen, einen Gehörschutz zu tragen – für sie war es wichtig, wortwörtlich ein offenes Ohr für die laufenden Maschinen zu haben, um Probleme möglichst früh zu bemerken. Heute haben Sie an einem solchen Arbeitsplatz ganz andere Kontrollmöglichkeiten und auch bessere Schutzausrüstungen – beides hat sich nicht zuletzt aus den Diskussionen über die Risiken von Lärm entwickelt.

Sehen Sie speziell beim Lärm am Arbeitsplatz noch ein Thema, das verstärkt aufgegriffen werden sollte?
Im Bereich Lärm am Arbeitsplatz wurde schon viel erreicht, aber es gibt sicher noch weitere Ansätze, über die Unternehmen nachdenken könnten. Meines Erachtens sollte bei Lärm nicht nur über die Intensität der Schallbelastung sondern über die Dauer der Belastung nachgedacht werden: Es ist nicht nur anstrengend, den ganzen Tag mit Gehörschutz zu arbeiten, sondern es hat auch Einfluss auf die Orientierung der Beschäftigten. Was man normalerweise hört, muss, wenn Gehörschutz getragen wird, anders kanalisiert werden, in der Regel über elektronische Informationen erfragt werden. Das sind enorme Herausforderungen, die aber – soweit ich die Datenlage kenne – bislang nicht ausreichend bedacht werden.

Tag gegen Lärm

Der Tag gegen Lärm ist die deutsche Variante des internationalen Noise Awareness Day. 2017 fand der Aktionstag in Deutschland zum 20. Mal statt und stand unter dem Motto „Akustische Vielfalt in Deutschland“. Der Tag gegen Lärm wird von der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA) organisiert und von diversen Projektpartnern unterstützt, unter anderem von der BG Bau. Elementare Bausteine sind die Sensibilisierung für die Lärmproblematik und den Schutz des Gehörs sowie die Verbreitung von Wissen um die Ursachen von Lärm und dessen soziale und gesundheitliche Folgen. Bundesweite Aktionen sollen die Öffentlichkeit über das Thema Lärm und mögliche Veränderungen lärmbelasteter Lebenssituationen informieren.
Die Aktionsleitung liegt seit dem ersten Tag gegen Lärm im Jahr 1998 bei Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp. Als Professorin für Psychoakustik und Lärmwirkung am Institut für Strömungsmechanik und Technische Akustik der Technischen Universität Berlin fokussiert sie ihre Forschungen vor allem auf Soundscapes, Psychoakustik und Effekte von Schallbelastungen.

Schäden und Beeinträchtigungen durch Lärm

Lärm gehört zu den häufigsten Gefährdungen am Arbeitsplatz. In Deutschland sind rund fünf Millionen Beschäftigte gehörgefährdendem Lärm ausgesetzt. Die auffälligsten Lärmwirkungen sind Gehörschäden: die allmählich eintretende Lärmschwerhörigkeit durch langjährige Lärmexposition sowie der akute Gehörschaden durch Einwirkung sehr hoher Schallimpulse. Lärmschäden gehören beispielsweise zu den häufigsten Berufskrankheiten in der Bauwirtschaft. Lärm kann aber nicht nur Gehörschäden verursachen, sondern generell die Gesundheit gefährden und die Arbeit erschweren – beispielsweise indem er zu Ermüdung führt, die Konzentration stört oder physiologische und psychische Regulationsmechanismen belastet. Letzteres kann zu erhöhten Stress-Hormonspiegeln und zur Verengung der peripheren Blutgefäße führen und auf Dauer das Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislauf- und des Verdauungssystems erhöhen. Auch jenseits des Arbeitsplatzes stellt Lärm für die Menschen in Deutschland immer noch eine der am stärksten empfundenen Umweltbeeinträchtigungen dar. Am häufigsten fühlen sie sich durch Straßenlärm gestört, aber auch durch Nachbarschaftslärm und Fluglärm.