Taiwan auf Sonnenkurs

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Im Bereich Photovoltaik ist der kleine Inselstaat im Westpazifik ganz groß: Ein massiver Entwicklungsschub hat Taiwan in den vergangenen Jahren bereits auf Platz vier der globalen Zellproduktion katapultiert – und der Expansionsdrang ist entlang der gesamten Wertschöpfungskette ungebremst…

Taiwans Nationalflagge bekommt gerade eine völlig neue Bedeutung. Das rote Grundtuch trägt im blauen Obereck eine weiße zwölfstrahlige Sonne, Symbol der Kuomintang-Partei. Die Sonne steht für die zwölf Doppelstunden des Tages und den Fortschritt – und erinnert jeden Besucher schon am Flughafen an die zurzeit dynamischste Industrie des Landes: die Photovoltaik. Nach Zahlen des taiwanesischen Wirtschaftsministeriums (MOEA) wächst die heimische PV-Industrie seit 1998 im Schnitt um 35 Prozent jährlich, seit 2004 sind die Zuwachsraten sogar deutlich höher. Schwerpunkt ist bisher die Zellproduktion: 2006 lag Taiwans Anteil am globalen Markt noch bei sieben Prozent, 2007 waren es bereits 12,7 Prozent. Das Ministerium erwartet, dass Taiwans Photovoltaikindustrie insgesamt in diesem Jahr einen Produktionswert von über 100 Milliarden Neue Taiwan-Dollar (2,28 Milliarden Euro) erreichen wird. Bis 2015 sollen es sogar 400 Milliarden TWD sein (9,12 Milliarden Euro).

Mit dem Geschäft wächst das Selbstbewusstsein der Industrie – und die Aufmerksamkeit der Politik. „Wir wissen, dass das Investitionsklima in Taiwan gut und das Know-how groß ist. Das wollen wir international noch stärker bekannt machen und Taiwan weiter öffnen für den Rest der Welt“, sagt Taiwans Vize-Premier Cheng-Hsiung Chiu. Diesem Zweck dienten zwei Veranstaltungen, zu denen das Department of Investment Services (DOIS) und das Taiwan External Trade Development Council (TAITRA) im Oktober internationale Vertreter von Industrie und Medien in die Hauptstadt Taipei eingeladen hatten: die Business Alliance Conference sowie die Kongressmesse Photovoltaic Forum & Exhibition, eine Leistungsschau der taiwanesischen PV-Industrie. „Der Staat unterstützt die Entwicklung des PV-Sektors aktiv, und das in allen Bereichen, Upstream, Midstream und Downstream“, sagt MOEA-Staatssekretär Yen-Shiang Shih. Ziel sei, die gesamte Wertschöpfungskette in Taiwan anzusiedeln. „Dieses Ziel ist fast erreicht. Allerdings fehlen in Taiwan noch Hersteller von polykristallinem Silizium.“

Entsprechend war der Siliziummangel das von den Messeausstellern der PV Taiwan am häufigsten genannte Problem, zumal viele ihre Produktionskapazitäten deutlich ausbauen wollen. Etwa 80 Firmen bilden zurzeit den taiwanesischen PV-Cluster, der bislang von Herstellern kristalliner Zellen dominiert wird. 2006 verfügten sie nach Zahlen des Industrial Technology Research Institute (ITRI) über 177,5 Megawatt Produktionskapazität, 2007 waren es bereits 990 Megawatt – und Ende 2008 sollen es 2,2 Gigawatt sein. Die Ausbaupläne diverser Firmen sind ambitioniert. Allein Gintech plant, bis Ende 2009 eine Produktionskapazität von einem Gigawatt zu erreichen und diese bis Ende 2010 auf 1,5 Gigawatt auszubauen. Und Neo Solar strebt mit 1,2 Gigawatt bis 2010 ebenfalls eine deutliche Erweiterung der Kapazität an.

Insgesamt wollen die taiwanesischen Zellhersteller bis Ende 2010 über eine Produktionskapazität von zehn Gigawatt verfügen. Inklusive Dünnschicht: Inzwischen sind taiwanesische Firmen wie Sinonar, Formosun, Motech oder E-ton in diesem Segment ebenfalls aktiv. Für E-tons Marketingchefin Karen Weng eine logische Entwicklung. „Wer weltweit Geschäfte machen will, muss kristalline und Dünnschicht-Produkte anbieten.“ Green Energy Technology beispielsweise, nach eigenen Angaben bisher Taiwans größter Wafer-Hersteller, will ab 2009 auf einer bereits installierten 40-Megawatt-Produktionslinie von Applied Materials 5,7 Quadratmeter große Dünnschichtmodule bauen. „Größe ist die Zukunft“, sagt Carl Ling, Direktor der Sales & Strategic Partnership Division: 2010 soll die Produktionslinie auf 150 Megawatt erweitert werden.

„Auch wenn die taiwanesischen Firmen diese Kapazitäten nicht voll auslasten: Was wir hier erleben, ist der Beginn der wahren Massenproduktion – und das wird wegen Taiwans Exportorientierung international Folgen für die Preise haben“, sagt Jürgen Arp vom Photovoltaik-Institut Berlin. Es gibt zwar gewisse Unterschiede bei der Produktionstechnologie und dem Management des Produktionsprozesses, aber Taiwans Erfahrungen in der Halbleiterbranche mit dem zentralen Prozess der Waferfertigung sowie in der Flachbildschirmsparte (TFT-LCD) bieten eine gute Basis für die Photovoltaik-Industrie. Das zeigt sich inzwischen auch bei den Ausrüstern: Mit Contrel Technology bietet erstmals eine taiwanesische Firma eine eigene Turnkey-Lösung für die Dünnschicht-Produktion an. Mit weiteren Playern ist zu rechnen, immerhin liegt das ambitionierte Land dank des Erfolgs in anderen Sektoren auf der Rangliste der Industrienationen schon jetzt auf Platz 24.

Doch auch Hersteller kleiner, aber in großen Stückzahlen absetzbarer Produkte drängen auf den Markt. Wie Sinonar Solar: Das Unternehmen baut nicht nur BIPV-Module, sondern auch Zellen für solarbetriebene Gartenleuchten, Ladegeräte, Uhren, Thermometer und Taschenrechner. Und Cock Rooster Lighting hat sich auf die solare Beleuchtung des öffentlichen Raums spezialisiert: Straßenlampen, Haltestellen, Springbrunnen. Jürgen Arp: „Von den überwiegend kleinen Ständen dieser PV-Messe darf man sich nicht täuschen lassen. Zum Teil verbergen sich dahinter milliardenschwere Industriekonglomerate.“ Die hervorragend miteinander vernetzt sind: „Bei so vielen großen Unternehmen einer Branche auf einer so kleinen Insel erwarten viele einen erbitterten Konkurrenzkampf, aber das Gegenteil ist der Fall“, sagt Rich Fuh, Sales-Spezialist bei Systemintegrator Topco. „Die meisten Manager kennen sich seit ihrer Ausbildung und arbeiten lieber mit- als gegeneinander – zumal die internationale Konkurrenz schon so groß ist.“

Der globale Markt steht für die taiwanesische PV-Industrie ganz klar im Zentrum ihrer Anstrengungen. Denn für die eigene Energieversorgung hat Photovoltaik – abgesehen von einigen Leuchtturm-Projekten – so gut wie keine Bedeutung. Taiwan ist fast vollständig von Energieimporten abhängig, der Strom wird hauptsächlich aus Öl (51 Prozent), Kohle (32 Prozent) und Atomkraft (16 Prozent) gewonnen. Nach Einschätzung der deutschen Auslandshandelskammer in Taipeh hat Taiwan lange über das Monopol des staatlichen Energieversorgers Taipower die Strompreise künstlich niedrig gehalten, um so das Wirtschaftswachstum zu fördern und die Inflation zu kontrollieren. Erneuerbare Energien waren angesichts der Preise für den heimischen Markt nicht attraktiv. Taiwan entwickelte sich daher zum drittgrößten PV-Exporteur der Welt, während auf der Insel selbst nur 21 Megawatt an Leistungen installiert wurden.

Das könnte sich bald ändern. Anfang 2008 musste die Regierung die Preise für Strom, Gas und Öl um 25 Prozent anheben. Die Entgelte sind allerdings im internationalen Vergleich immer noch niedrig: Sie liegen je nach Verbrauchsmenge zwischen 2,1 und 3,7 TWD (0,05 bis 0,08 Euro) pro Kilowattstunde für private Haushalte und 3,4 bis 3,7 TWD (0,07 bis 0,08 Euro) für kommerzielle Nutzer. Aber Ende 2008 wird es eine weitere Preisrunde geben. Und: Taiwan will mit einer Renewable Energy Development Bill die Nutzung erneuerbarer Energien finanziell attraktiver machen. Das Programm sieht unter anderem steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten vor sowie eine Einspeisevergütung von 10 TWD (0,22 Euro) je Kilowattstunde. Außerdem will die Regierung Städte und Kreise mit Fördermitteln von bis zu 30 Millionen TWD (684.000 Euro) je Projekt bei der Einrichtung von Photovoltaiksystemen unterstützen.

„Wir können nicht auf Maßnahmen der Regierung warten – wir müssen jetzt handeln“, sagt allerdings Chin-Yao Tsai, Chef der E-ton-Joint-Ventures Auria Solar, mit Blick auf die vergangenen Jahre, in denen der Beschluss des Förderprogramms bereits mehrfach im Parlament scheiterte. Die Industrie müsse alles daran setzen, Solarstrom so schnell wie möglich wettbewerbsfähig zu machen – beispielsweise mit Modulkosten von einem US-Dollar pro Watt, die Tsai schon in wenigen Jahren für realistisch hält. Der Preisdruck birgt jedoch auch Gefahren.

„Die Preise für taiwanesische PV-Module sind höher als für chinesische Produkte, aber dafür liefern wir auch bessere Qualität“, sagt Willy Wu, Manager bei Modulhersteller PST. Diese Qualität, am besten belegt durch ein Zertifikat wie beispielsweise das TÜV-Siegel, sei das bessere Verkaufsargument, schließlich müssten die Anlagen viele Jahre halten. „Europa ist für uns der zentrale Markt, und die Etablierung unserer Produkte in den USA unser nächstes großes Ziel – und die Erwartungen der Kunden dort sind hoch.“

Diese Position vertritt auch Andy Shen, Vice President von Neo Solar. Wichtiger als der Preis sei eine mit Qualität und Service aufgebaute nachhaltige Beziehung zu den Kunden – und Investitionen in neue Produkte. „Wir müssen die Technologie weiter entwickeln, sonst machen irgendwann alle das gleiche mit dem gleichen Equipment.“ Für Shen ist die PV-Industrie ohnehin weit mehr als ein Rohstofflieferant zur Energieversorgung. „Die PV sollte zu einer zentralen Industrie werden wie die Luftfahrt- oder Automobilbranche. Dann wird es wieder mehr um den Wert der Produkte gehen als um ihren Preis.“ Westlichen Firmen kommt diese Qualitätsorientierung zugute. Deutschland gilt in Taiwan bei Energieeffizienz und erneuerbare Energien als das Partnerland schlechthin, Know-how und Produkte Made in Germany stehen entsprechend hoch im Kurs. Das gilt für Produktionslinien von Centrotherm ebenso wie für Wechselrichter von Delta bis hin zur hitzeresistenten Anschlussdose für PV-Module von FPE. „Die Taiwanesen drehen mehr und mehr an allen Stellschrauben“, sagt FPE-Manager Thomas Hoffmeister. „Sie haben verstanden, dass auch kleine Komponenten für Leistung und Zuverlässigkeit von PV-Anlagen wichtig sind.“

Über Geld haben sie trotzdem viel geredet, die 155 Aussteller aus Taiwan, Deutschland, Großbritannien, Belgien, Singapur, Korea, Hongkong und China sowie die rund 5.200 Messebesucher: Die Krise der Finanzmärkte trifft die Branche zumindest indirekt. Ähnlich wie Schott Solar verzögert auch Neo Solar den geplanten Börsengang. „Ein Börsengang ist kein Selbstzweck: Der Erlös ist wichtig für die Entwicklung des Unternehmens“, sagt Manager Andy Shen – immerhin denke auch Neo Solar über den Einstieg ins Dünnschicht-Geschäft nach. Andere Firmen befürchten, die Krise könnte den Zugang zu Krediten langfristig erschweren und so Investitionen der eigenen Firma oder die ihrer Kunden behindern. Eine kleine Hoffnung hegen die exportorientierten Firmen allerdings auch: Die Finanzkrise könnte die für die Branche in den vergangenen Monaten so ungünstigen Wechselkurse ein wenig entspannen.