Verlorene Schätze

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Ausgemusterte Handys, PCs und Katalysatoren sollten nicht nur zum Schutz der Umwelt sachgerecht entsorgt werden. Fehlendes Recycling ist eine Verschwendung begehrter Metalle wie Gold, Palladium, Silber oder Kobalt…

Fünf Milliarden US-Dollar. Mit dieser Summe beziffert Christian Hagelüken den Wert der Metalle, die Europa Jahr für Jahr verliert, weil ausgediente Konsumgüter nicht effizient verwertet werden. Der Wirtschafts- und promovierte Bergbauingenieur ist bei Umicore Precious Metals Refining (UPMR) Hanau für Geschäftsentwicklung und Marketing verantwortlich. Das Unternehmen, das seinen Hauptsitz am Hafen von Antwerpen hat, ist Weltmarktführer bei der Rückgewinnung von Edelmetallen aus komplexen Produkten.

Aus technischer Sicht ist Hagelüken zufrieden. 2007 recycelte UPMR aus 300.000 t ausgemusterter Elektronik und industrieller Nebenprodukte 70.000 t reine Materialien: Gold, Silber und Platinmetalle, aber auch Kupfer, Blei und Nickel sowie Indium oder Bismut. UPMR führt das Recycling als Dienstleistung durch; die gewonnenen Metalle werden entweder physisch zurück an die Auftraggeber geliefert oder zu den aktuellen Tagespreisen von UPMR aufgekauft – ein lohnendes Geschäft angesichts der Preisentwicklung auf den Rohstoffmärkten.

Nicht zufrieden ist Hagelüken mit der logistischen Seite. Denn die meisten Geräte, deren Recycling sich wegen ihrer Inhaltsstoffe lohnen würde, kommen gar nicht erst bei UPMR oder einem der anderen Verwerter an. Die Wege von Katalysatoren oder Leiterplatten, die in der Industrie eingesetzt werden, lassen sich laut Hagelüken meist gut nachvollziehen: Sie werden vom Hersteller an den Nutzer geliefert, in den Büchern geführt, überwiegend ortsfest eingesetzt und am Ende der Lebensdauer einem professionellen Recycler zur Verfügung gestellt. Konsumgüter wie Handys oder PCs dagegen haben oft verschiedene Besitzer an verschiedenen Orten. Am Ende ihrer Lebensdauer landen sie bestenfalls in irgendeiner Schublade, oft jedoch einfach im Müll oder fallen über Exporte ganz aus dem System. Eine Studie der United Nations University hat ergeben, dass nur etwa 25% der mittelgroßen Haushaltsgeräte und 40% der Haushaltsgroßgeräte recycelt werden – bei Kleingeräten liegt die Quote sogar fast bei Null.

Mit den Exporten gebrauchter Geräte hat Hagelüken ein Problem. „Wenn wirklich gebrauchsfähige Produkte exportiert werden und dann im Importland unter vernünftigen Bedingungen ein verlängertes Leben führen, ist das eine sinnvolle Sache. Allerdings wird ein Großteil der Exporte als Gebrauchtgeräte deklariert, obwohl es sich um Schrott handelt.“ Illegale Abfallentsorgung also. Und für alle Exporte gilt: Die meisten Importländer haben keine moderne Recycling-Infrastruktur. Die in den Geräten enthaltenen Ressourcen gehen unwiederbringlich verloren, die Schadstoffe führen außerdem zu Umwelt- und Gesundheitsschäden.

Im Auftrag des Bundesumweltamtes haben Öko-Institut und UPMR die Exportströme von alten Pkw und Elektro(nik)geräten untersucht. Demnach werden von gut 3 Mio. in Deutschland gelöschten Pkw rund 2,5 Mio. nicht im Land verwertet – ein Verlust von rund 1,3 Mio. t Stahl, 180.000 t Aluminium und 110.000 t weiterer NE-Metalle wie Kupfer und Blei. Mit den Katalysatoren gehen außerdem gut 6,25 t Platinmetalle verloren. Für gebrauchte Elektro(nik)geräte konnten Öko-Institut und UPMR keine exakten Exportzahlen ermitteln, aber das materielle Potenzial. 1 Mio. Mobiltelefone enthalten unter anderem rund 250 kg Silber, 24 kg Gold, 9 kg Palladium und 9 t Kupfer, eine Million PCs bzw. Laptops etwa 1,2 t Silber, 200 kg Gold, 80 kg Palladium und 500 t Kupfer. Ein auch ökologisch teurer Verlust: Wenn keine Sekundärrohstoffe zur Verfügung stehen, müssen die Materialien im Bergbau gewonnen werden. Gerade bei Metallen ist die Gewinnung aus Erzen jedoch mit erheblich höheren Umweltaufwendungen verbunden als das Recycling.

Die Exporte einfach zu unterbinden, ist aus Sicht von UPMR und Öko-Institut keine Lösung. Immerhin erfüllen Handel und Weiternutzung von Gebrauchtgütern gerade in außereuropäischen Ländern wichtige wirtschaftliche und soziale Funktionen. „Es gibt viele Ansatzpunkte, die Stoffströme zu optimieren“, meint Matthias Buchert vom Öko-Institut: klare Kriterien für Hafenbehörden, um Gebrauchtgüter von Abfall unterscheiden zu können, Know-how-Transfer in die Importländer, internationale Arbeitsteilung. „In Entwicklungsländern könnten viele Menschen Geld verdienen, wenn sie Abfall sammeln, zusammenführen und mit richtigem Handling für den Transport zu spezialisierten Aufbereitungsanlagen in aller Welt vorbereiten.“ Mehr Material für diese Anlagen wäre auch für die Versorgungssicherheit der Industrie im rohstoffarmen Europa von Vorteil: Im Gegensatz zu vielen anderen Rohstoffquellen befinden sich die Aufbereitungsanlagen in politisch stabilen Ländern.

Recyclinggehalt Handys Erz im Bergbau abbauwürdig ab
Silber 3512 g/t 150-200 g/t
Gold  341 g/t 3-5 g/t
Palladium  144 g/t 2-3 g/t
Platin 4 g/t 2-3 g/t
Quelle: Umicore; Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe