Wenn die Möhrenmeute kommt

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Das Interesse an Maßnahmen, die Energie sparen oder für mehr Effizienz sorgen, ist bei Einzelhändlern groß. Konsumenten geben zusätzlich Impulse: mit einem Carrotmob…

Esel haben den Ruf, besonders sture Tiere zu sein. Einem englischen Sprichwort zufolge gibt es nur zwei Möglichkeiten, einen Esel in Bewegung zu setzen: entweder mit einem gezielten Tritt ins Hinterteil oder mit einer Karotte vor der Nase. Die Möhrenmethode gilt dabei nicht nur als besonders erfolgversprechend, sondern soll zudem für alle Beteiligten deutlich angenehmer sein. Dieses Prinzip haben inzwischen auch diejenigen Konsumenten verstanden, die mit ihrem Einkaufsverhalten direkten Einfluss auf das Sortiment oder die Geschäftspolitik des Einzelhandels nehmen wollen – bislang häufig in Form eines Boykotts in Ungnade gefallener Unternehmen. Zwar sind Einzelhändler keine Esel. Aber auch sie lassen sich leichter überzeugen, wenn sie sich nicht unter Druck gesetzt fühlen, sondern einen Vorteil sehen, zum Beispiel die Verbesserung von Image und Gewinn. Ein von den Kunden organisierter Carrotmob ist eine solche Möglichkeit. Denn im Gegensatz zu einem Boykott profitieren davon sowohl der Einzelhandel als auch die Konsumenten – und nicht zuletzt die Umwelt.

Das Prinzip eines Carrotmobs ist einfach, aber effektiv: Über Online-Plattformen wie Facebook oder Twitter verabreden sich Menschen, um an einem konkreten Tag in einem vorher ausgewählten Geschäft gemeinsam einzukaufen. Dafür verpflichtet sich der Betreiber, einen bestimmten Prozentsatz des Umsatzes in den klimafreundlichen Umbau seines Geschäfts zu investieren. Der erste Carrotmob der Welt fand im März 2009 in San Francisco statt. Der Initiator, Brent Schulkin, besuchte dafür 23 Shops in seinem Stadtteil. Zuvor hatte er ein kleines Verbrauchernetzwerk gegründet und erzählte jedem Ladenbesitzer, dass er alle Mitglieder einladen werde, um in einem Geschäft des Viertels eine Menge Geld auszugeben. In welchem, das machte Schulkin von einer Frage abhängig: Wer ist bereit, den größten Teil des dabei entstehenden Umsatzes in einen klimafreundlichen Umbau des Geschäftes zu stecken? Gewinner und damit Ort des ersten Carrotmobs war der Inhaber eines Lebensmittelgeschäfts, der 22 Prozent versprach – und danach nicht nur von der Idee begeistert war, sondern auch von dem Ansturm der Kunden.

Der erste deutsche Carrotmob startete am 13. Juni 2009 im Berliner Bezirk Kreuzberg; die Inhaber des Kiosks Multikulti hatten den Organisatoren 35 Prozent des Tagesumsatzes versprochen. Innerhalb des dreistündigen Carrotmobs machte das Unternehmen 2.000 Euro Umsatz – das Dreifache der üblichen Tageseinnahmen. 700 Euro investierten die Inhaber danach in Energiesparlampen und Wärmedämmungen, außerdem schlossen sie einen Fünfjahresvertrag mit einem Ökostromanbieter ab. Im Februar 2010 folgte der nächste Berliner Carrotmob, diesmal im Blumenladen Floristik Männertreu im Bezirk Prenzlauer Berg, der fair gehandelte Blumen verkauft. Der Blumenladen machte an diesem Tag 800 Euro mehr Umsatz als an einem normalen Geschäftstag – und Besitzerin Monika Kather wendete 56 Prozent des gesamten an diesem Tag erzielten Umsatzes auf, um einen umweltfreundlicheren Kühlschrank, energieeffizientere Beleuchtungskörper und einen Ökostromtarif zu finanzieren. Kather ist vom Konzept des Carrotmobs nachhaltig überzeugt: „Ich fand es interessant, wie viele Leute über das Internet mobilisiert werden konnten. Außerdem ist die Nachfrage nach fair gehandelten Blumen, eine relativ unbekannte Marktnische, bei mir seither auch leicht gestiegen.“

Positiv ist auch die Resonanz bei Volker Wiem, Chef der Filiale Osterstraße des Hamburger Edeka-Unternehmens Niemerszein. Sein Geschäft wurde am 21.Oktober von der Möhrenmeute gestürmt – und die Belegschaft war gut vorbereitet: Mitarbeiter von El Rojito schenkten fair gehandelten Kaffee aus, Gepa bot Verkostungen nachhaltig gehandelter Produkte an, die Regale wurden unermüdlich wieder aufgefüllt, alle Kassen waren geöffnet. Die Folge: Der Umsatz an diesem verregneten Donnerstag lag 14 Prozent höher als gewohnt. Und da Wiem den Carrotmobbern 15 Prozent des Tagesumsatzes für Investitionen in den Klimaschutz versprochen hatte, kamen so 7.050 Euro für die Umwelt zusammen, die Wiem noch am selben Abend auf 7.500 Euro aufrundete – ein neuer Rekorderlös unter den inzwischen in vielen deutschen Städten laufenden Carrotmobs. Mit einem Energieberater will er jetzt so schnell wie möglich die besten Maßnahmen besprechen und umsetzen.

Der so erfolgreiche Carrotmob bei Edeka Niemerszein war übrigens Teil einer europaweiten Premiere. Denn zeitgleich war die Möhrenmeute auch bei drei anderen Einzelhändlern unterwegs: in München bei Landmann’s Biomarkt, in Passau bei der Grünen Heimat und in Lüneburg bei Samowar Tea and Records. Nie zuvor haben Carrotmobs an so vielen Orten gleichzeitig stattgefunden – und überall werden Teile des Tagesumsatzes in den energieeffizienten Umbau der Geschäfte fließen.

Damit das Geld auch sinnvoll investiert wird und – so der Wille der Initiatoren – durch die Macht der Verbraucher künftig ein Maximum an CO2-Emissionen vermieden werden kann, ist professionelle Hilfe nötig: Die vom Bundesumweltministerium geförderte Kampagne „Klima sucht Schutz“ unterstützte daher die Carrotmobber in allen vier Städten mit jeweils einem Energieberater, um die Einsparpotenziale in den Läden zu ermitteln und die Inhaber zu beraten. „Die Botschaft des Carrotmobs ist einfach: Gezielter Konsum macht den Unterschied“, sagt Steffi Saueracker, Projektleiterin der Kampagne „Klima sucht Schutz“. „Wichtig ist, dass die Erfolge konkret messbar sind. Nur so wird klar, wie wichtig das Engagement des Einzelnen ist.“ Ein Engagement, für das niemand in den Hintern getreten werden muss.