PSAgA II: ABC gegen Absturz
Ein Absturzsicherungssystem besteht meist aus mehreren Teilen, die aufeinander abgestimmt sein müssen. Die wichtigsten Komponenten sind die Anschlageinrichtung, der Auffanggurt und das Verbindungsmittel.
Die persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz setzt sich aus mehreren unterschiedlichen Produkten zusammen. Die Orientierung erleichtert das sogenannte ABC-Modell, das aus dem Englischen kommt und die drei zentralen Bestandteile einer Absturzsicherung beschreibt: A steht für den Anschlagpunkt (anchorage), B für den Auffanggurt (body support oder body harness) und C für falldämpfendes Verbindungsmittel oder Höhensicherungsgerät (connecting device), also das Bindeglied zwischen Anschlagpunkt und Auffanggurt.
A – Anschlagpunkt
Anschlagpunkte sind sichere Befestigungspunkte für die PSAgA. Diese können die bei einem Sturz auftretenden Kräfte abfangen und das Gewicht eines herabfallenden Arbeiters tragen. Die Europäische Norm DIN EN 795 definiert fünf Typen. Demnach können Anschlageinrichtungen dauerhaft angebracht sein, etwa in Form von fest montierten Einzelanschlagpunkten auf Dächern, oder eine temporäre Lösung darstellen wie Anschlag-Schlaufen oder Dreibeine. Auch horizontale Seilsicherungssysteme, Schienensysteme und durch ihr Eigengewicht gehaltene Anschlaggewichte lässt die Norm zu.
Um die Auffangzeit zu reduzieren und das Pendeln nach einem Fall zu minimieren, befindet sich der Anschlagpunkt am besten direkt über dem Arbeitsbereich. Ist das nicht möglich, muss sichergestellt werden, dass der Winkel zwischen dem Arbeiter und dem Anschlagpunkt höchstens 30 Grad beträgt – denn je größer der Winkel, desto höher das Verletzungsrisiko bei einem Absturz. Wichtig ist zudem ein Blick in die Anweisungen des Herstellers, denn diese geben Hinweise, welche Kantenbeanspruchung zulässig und welche lichte Höhe unterhalb des Arbeitsbereichs notwendig ist.
Häufige Fehler: Wenn Anschlageinrichtungen nicht gemäß Montageanleitung befestigt sind oder nicht regelmäßig auf festen Sitz und Korrosion kontrolliert werden, können sie im entscheidenden Moment versagen. Ein anderer typischer Fehler in der Praxis ist es, ungeeignete Strukturen als Anschlagpunkte zu nutzen, die nicht für Sturzlasten ausgelegt sind und daher versagen können – etwa Geländer, Regenfallrohre oder Transportösen an Maschinen oder Bauteilen. Gefährlich ist zudem ein zu tiefer Anschlagpunkt, was den Sturzweg drastisch verlängert und im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass Abstürzende auf dem Boden aufschlagen. Und wenn Beschäftigte sich seitlich zu weit vom Anschlagpunkt wegbewegen, riskieren sie bei einem Absturz einen langen Pendelweg: Da die maximale Pendelgeschwindigkeit fast so hoch ist wie die Sturzgeschwindigkeit, kann das seitlich Anprallen gegen Wände, Baukanten oder Stahlträger schwere Verletzungen zur Folge haben.
B – Auffanggurt
Der Auffanggurt ist ein wesentlicher Bestandteil der PSAgA und besteht typischerweise aus Schultergurten, Beinschlaufen und einem Gurtband im Becken-/Brustbereich, verbunden durch Schnallen und Beschläge. Bei einem Absturz kann er den Benutzer sicher halten, ein Herausrutschen verhindern und die auftretenden Kräfte über Oberschenkel, Becken, Brust und Schultern verteilen. Zulässige, also für freie Hängeposition nach einem Sturz konzipierte Auffanggurte verfügen über mit dem Buchstaben A gekennzeichnete Anschlagösen beziehungsweise D-Ringe, meistens einen auf dem Rücken und einen auf Brusthöhe. Diese Ösen sind dafür ausgelegt, die Kräfte eines Sturzes aufzunehmen und den Körper in eine aufrechte Position zu bringen. Daher dürfen reine Haltegurte um die Hüfte nicht als Auffanggurt verwendet werden: Sie würden bei einem Absturz zum Herausrutschen oder schweren Wirbelsäulenverletzungen führen.
Wichtig für den Alltag ist die richtige Größe des Auffanggurts, damit er ebenso angenehm zu tragen wie sicher ist, sowie die korrekte Verwendung. Die Hersteller stellen daher detaillierte Anweisungen zum „optimalen Anlegen der Haltevorrichtung und Befestigen des Verbindungssystems am sicheren äußeren Ankerpunkt“ zur Verfügung. Auffanggurte zum Betreten enger Räume haben Anschlagpunkte an jeder Schulter, Auffanggurte für die Arbeitspositionierung zusätzliche Halte-Ösen an den Hüften und einen integrierten gepolsterten Gurt für die zusätzliche Rücken- und Lendenunterstützung.
Häufige Fehler: Anwendungsfehler sind das größte Problem in der Praxis, etwa wenn vor den Arbeiten keine Sichtprüfung stattfindet und der Auffanggurt trotz beschädigter Nähte oder veralteter Herstellungsdaten getragen werden. Beim Anlegen können Einstellungen vergessen, Gurtbänder verdreht und Schnellverschlüsse nicht vollständig geschlossen werden. Häufig sind die Beinschlaufen falsch eingestellt, so dass sie entweder verrutschen oder beim Arbeiten Schmerzen verursachen können. Besonders gefährlich können kleine Nachlässigkeiten werden: Bleibt der Brustgurt offen, kann der Nutzer bei einem Absturz vornüber aus dem System fallen. Und wird beim Einhängen eine Öse genutzt, die nur für Haltearbeiten gedacht ist, kann der Gurt den Belastungen eines Absturzes nicht standhalten.
C – Verbindungsmittel
Verbindungsmittel sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Anschlagpunkt und Auffanggurt, da sie die Stoßdämpfung und die Auffangfunktion übernehmen. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung wird die beste Art der Absturzsicherung bestimmt.
Wichtig dabei ist, dass Beschäftigte sich gut bewegen können, ohne sich im Verbindungsmittel zu verheddern. Es gibt falldämpfende Verbindungsmittel, also ein Gurtband oder Kernmantelseil mit einem Bandfalldämpfer, der bei einem Absturz aufreißt und dabei einen großen Teil der Bewegungsenergie abbaut. Eine andere Variante sind Höhensicherungsgeräte, die aus einem Gehäuse mit einem aufgerolltem Gurtband oder Stahlseil und einer internen Bremseinrichtung bestehen – bei normalen Bewegungen reagiert das Gerät mit flexibler Länge, bei einem Absturz jedoch verriegelt die Mechanik sofort und bremst so den Fall. In beiden Fällen wird die maximale Fangkraft auf unter sechs Kilonewton begrenzt. Eine Sonderform, die einen größeren Bewegungsradius ermöglicht, sind mitlaufende Auffanggeräte an Schienen oder Seilen.
Häufige Fehler: Verbindungsmittel müssen auf jeden Fall sachgerecht befestigt werden, daher sind nicht vollständig verriegelte Karabiner, eingedrehte Anschlagmittel unter scharfkantige Abdeckungen geklemmte Seile problematisch. Wichtig ist zudem, die maximale Systemlänge zu beachten: Wer das Verbindungsmittel eigenmächtig verlängert, um einen größeren Radius zu haben, riskiert eine zu späte Falldämpfung. Das gilt auch, wenn mit einem durchhängenden Seil gearbeitet wird – bei einem Absturz ist der freie Fall länger als nötig und damit viel gefährlicher. Und wer sich seitlich zu weit vom Anschlagpunkt wegbewegt, riskiert einen Pendelsturz, bei dem das Verbindungsmittel verzögert auslöst oder das Seil über eine Kante scheuert und dabei zumindest beschädigt wird.
Verschiedene Hersteller und Ausrüster stellen auf ihren Webseiten Broschüren zur Verfügung, die einen schnellen Überblick über die Komponenten, ihre Besonderheiten und die rechtlichen Grundlagen ermöglichen. Dazu gehören das PDF „Das ABC der Absturzsicherung“ von Honeywell (https://explore.honeywell.com/rs/510-REI-219/images/Honeywell_Miller_75_ABC_of_Fall_Protection_DE_V3_FINAL.pdf) sowie der das Whitepaper „Praxiswissen PSAgA“ von Möwius (https://www.moewius.de/arbeitsschutz-guide/absturzsicherung/whitepaper/).